Der Syndikalist – Georges Sorel (1922)

In den letzten Monaten trafen aus Frankreich mehrere Todesnachrichten ein. Die alte Garde geht von uns. Erst es Jules Guesde, dann Marcel Sembat, und nun ist es Georges Sorel. Während Sembat ein sozialistischer Parteipolitiker war, ragte Guesde über viele seine Parteigenossen hinaus, und es bildete sich eine ganze Schule, die sich nach ihm benannte.
Der bedeutendste jedoch von allen ist Georges Sorel. Er war Ingenieur, beschäftigte sich jedoch in reiferen Jahren mit dem sozialen Problem und schrieb einige sozialistische Werke, die über das Gros der Alltagsliteratur hinausragen. Theoretisch stand Sorel zwischen Marx und Kropotkin. Er gehörte keiner der beiden Schulen an, beschäftigte sich jedoch eingehen[d] mit Proudhon und wurde von diesem gewaltigen Denker nicht wenig beeinfluβt. Sorel wurde zum Fürsprecher des freiheitlichen Sozialismus, des Syndikalismus. Er wird als bedeutender Theoretiker des Syndikalismus angesehen. Sein Einfluβ war jedoch in Italien gröβer, als in seinem eigenen Lande Frankreich.
In seinem Werke „Der Verfall des Marxismus“ (La Décomposition du Marxisme), das vor ungefähr 15 Jahren erschien, stellt er die Unhaltbarkeit vieler marxistischer Thesen da[r]. Als sein Hauptwerk kann man seine „Betrachtungen über die Gewalt“ (Réflexions sur la Violence) ansehen. Für ihn war die Gewalt nichts verwerfliches, sondern etwas kulturförderndes. Ohne die individuelle sowie spontane Gewaltanwendung kann sich nach ihm das Proletariat nicht befreien. Man muβ Franzose oder Romane sein, um dies Werk ganz zu würdigen zu können. Obzwar Sorel selbst nicht all zu stark Mann der Aktion war, springen aus seinen theoretischen Erkenntnissen die reinsten Wasser heraklitischen Geschehens. Das Ziel ist nichts, die Bewegung alles. Das Proletariat findet in der Bewegung selbst Befriedigung, Beglückung.
Auch in dem Punkte kam Sorel dem Anarchismus nahe, dass er nichts von den Parteipolitikantentum wissen wollte. Der Sozialismus konnte seiner Ansicht nach vom Parlamente kommen, sondern nur durch die direkte Aktion der Arbeiter selbst. In Sorel verliert die Internationale Arbeiterbewegung einen ihrer aufrichtigsten Mitkämpfer.

Der Syndikalist, n°38/1922 (IV. Jhg.)