Jacques Camatte – Kapital und Gemeinwesen (1976)

…ja selbst zur Totalität geworden kann das Kapital nur existieren, indem es sich partikularisiert, in eine grosse Anzahl von Kapital-Quanta differenziert. Über alle verschiedenen Prozesse hinweg verliert sich das Kapital nur deshalb nicht, weil es sich als materielles Gemeinwesen konstituiert hat. Das heisst, das tote, materielle Element beherrscht das lebendige Element. Dieses (Kapital-) Gemeinwesen entfaltet sich ausgehend von diesem Toten, Verdinglichten. Infolge der Bewegung der Anthropomorphose, worin das Kapital Mensch wird, entwickelt sich die Kapitalgemeinschaft nun aber zum Gemeinwesen: Die Menschen sind im Sein gefangen, das sie selbst produziert haben. Um so gültiger ist der (Gegen-)Satz von Marx: „Das menschliche Wesen ist das wirkliche Gemeinwesen des Menschen“, den wir in „Ursprung und Funktion der Form Partei“ (1961) und in einem Flugblatt zum Mai 1968 und in „Proletariat und Gemeinwesen“ 1968 aufgegriffen haben.

Marx braucht das Wort Subsumption, was mehr als Unterwerfung und Unterordnung bedeutet. Sumption weist auf Integration. Marx will anzeigen, dass das Kapital aus der Arbeit seine eigene Substanz macht, sie sich einverleibt, aneignet. Dem entspricht genau die Verwandlung des Arbeitsprozesses in den Produktionsprozess des Kapitals. Das Kapital eignet sich das menschliche Arbeitsvermögen an. Das gelingt dem Kapital in der Periode formaler Herrschaft noch nicht, die Arbeitskraft ist noch nicht unterworfen und einverleibt. Sie ist ihm noch störrisch, wird noch so rebellisch, dass sie die Entfaltung des Kapitalprozesses in Gefahr bringt. Mit der Einführung der Maschinen verändert sich das alles. Das Kapital bemächtigt sich mit dieser aller von den Proletariern in der Fabrik entwickelten Tätigkeit. Mit der Entwicklung der Kybernetik eignet sich das Kapital zusätzlich das menschliche Gehirn an, mit der Informatik schafft es seine Sprache, nach der die menschliche sich richten soll usw. Auf diesem Stand der Dinge sind nicht mehr nur die Proletarier, diejenigen, welche den Mehrwert produzieren, sondern alle Menschen, in ihrer Überzahl proletarisiert, welche dem Kapital unterworfen sind. Damit vollendet sich die reale Herrschaft des Kapitals über die Gesellschaft, worin die Menschen Sklaven des Kapitals sind, die Sklaverei allgemein geworden ist und sich die Konvergenz mit der asiatischen Produktionsweise ergibt.
Damit ist es nicht mehr die Arbeit als bestimmte und besondere Form menschlicher Tätigkeit, welche dem Kapital unterworfen und von ihm einverleibt wird, sondern der ganze Lebensprozess des Menschen. Der fünfhundertjährige Prozess der Einverleibung durch das Kapital, der im Westen begonnen hat, ist nunmehr abgeschlossen. Jetzt ist das Kapital das Gemeinwesen der Unterdrückung der Menschen.

Sieg des Proletariates kann nur Negation des Proletariates bedeuten.

Kapital und Gemeinwesen (1976)
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Gegen die Zähmung (1973)
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2 Antworten auf „Jacques Camatte – Kapital und Gemeinwesen (1976)“


  1. 1 Eliane Riffel Camatte 19. Januar 2010 um 15:34 Uhr

    Brasil, Campo Grande – MS

  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 16. Oktober 2009 um 13:36 Uhr
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