Die Gruppe De Moker – Die rebellische Jugend in der holländischen libertären Bewegung der wilden Zwanziger (I)

Der Aufstand der Jugend
Hermann Schuurmann (1897–1991), der Autor der Broschüre « Arbeit ist ein Verbrechen », war einer der Mitbegründer der Mokergroep [moker: Hammer (1), groep: Gruppe]. Diese Gruppe bestand aus den sehr frei um die Zeitschrift De Moker organisierten, jungen revolutionsbegierigen Proletariern. Der Untertitel der Zeitschrift lautete damals Opruiend blad voor arbeiders [Agitationsjournal für junge ArbeiterInnen]. Über mehr als vier Jahre, von Ende 1923 bis Sommer 1928, wühlte die Mokergoep die proletarische und die libertäre Bewegung in Holland auf:
«Dies kann, nein, dies sollte wie ein Hammerschlag auf ihre Ohren ertönen: Wir, die Jugendlichen weigern uns radikal, uns weiterhin hinter den schmutzigen Tricks der Alten der Bewegung einzureihen […]. Alle sollen wissen, dass wir in dieser Gesellschaft machtlos, gottlos, geldlos und vorzugsweise arbeitslos sind und dass wir auch gegen diese ethisch-religiöse Bewegung sind. Wir ändern dieses abscheuliche, stets wiederholte Recht auf Arbeit um in ein Recht auf Faulheit (2), denn hierbei handelt es sich um die ersten Auswirkungen der Vernichtung. Zerstörung! Bakounine war auch als alter Mann noch ein Revolutionär und deshalb zeigte er den Weg der Zerstörung. Hat sich die Situation des Proleten verbessert? […] Nein! Tausend mal nein! Die politische und gewerkschaftliche Organisation hat das Fundament des Systems intakt gelassen. Man wollte nur den “Exzess” des Systems verändern, und sogar hierbei ist man völlig gescheitert […]. Die Arbeit war schon immer die Devise der Bourgeoisie, aber auch der Parteiführer und der Gewerkschaften. Heute – und in diesem Sinne wiederholt sich die Geschichte endlos, ohne dass das Proletariat etwas daran gewinnt – kündigen sogar Vollblutanarchisten in ihren Organen jubelnd an, dass in Belgien die Arbeitsstellen zugenommen haben. Deshalb bemühen wir uns keineswegs darum, eine einheitliche Organisation aufzubauen: Wir kennen keine einheitliche revolutionäre Front, wir anerkennen und fördern die Solidarität in den Fabriken und Betrieben, um zur Sabotage anzuregen. Den Boden für Agitation finden wir überall….» (3)
Einer der jungen Libertären präzisierte später:
«Die Gruppen De Moker und Alarm existierten nicht um als Gruppe zu existieren, sondern wurden aus einer gewissen Anzahl Menschen zusammengestellt, die das Bedürfnis verspürten, die Erweichung in den älteren Generationen zu bekämpfen und diese Alten anzugreifen.» (4)
Alarm, gegründet im Mai 1922 und De Moker sehr nahestehend, hatte bereits einen Artikel gegen die Arbeit veröffentlicht, der sich auch auf Lafargue bezog:
«Der Kapitalismus zieht seine Existenzgrundlage aus der Arbeit und steckt dabei den Mehrwert in seine eigene Tasche. Er würde untergehen, wenn ihm diese Arbeit, d.h. dieser Profit entzogen würde. Paul Lafargue, der Autor von Recht auf Faulheit, sagt, dass die Arbeit in dieser Gesellschaft eine Schande ist. Nun wäre er jedoch radikaler gewesen, hätte er sein Werk Die Pflicht zur Faulheit genannt. Die Pflicht der Revolutionären ist dem Kapitalismus seine Existenzgrundlage zu entziehen. Aus diesem Grund ist die gewerkschaftliche Organisation konterrevolutionär: Anstelle von Sabotage und faulem Ungehorsam preist die Gewerkschaft das Recht auf Arbeit und belässt dabei die Arbeiter in dem Glauben, sie könnten irgendeinen Vorteil daraus ziehen. [….] Aber die gewerkschaftliche Organisation existiert nur dank der Lohnversklavung: Geht die Lohnarbeit unter, so geht die gewerkschaftliche Organisation mit ihr unter. Da letztere nur durch und dank dem Kapitalismus existiert, bleibt ihr nichts anderes übrig, als an seinem Wiedererbau mitzuwirken. Dabei werden die Arbeiter durch den Kampf um Lohn konstant von dem Umsturz des Kapitalismus abgelenkt. Als Anarchisten müssen wir nicht nur den Kapitalismus bekämpfen, sondern ebenso unseren inneren Feind: Die gewerkschaftlichen Organisationen. Der Kapitalismus und der Syndikalismus haben nämlich einen gemeinsamen Feind: Die Faulheit. Dort wo die Kapitalisten und die wichtigen Entscheidungsträger permanent die Pflicht und das Recht auf Arbeit beteuern, müssen die Revolutionären überall die Pflicht und das Recht auf Faulheit propagieren.»(5)
Im Gegensatz zu den Leuten von Alarm, die übrigens nicht zwingend älter waren, definierten sich jene von De Moker explizit als «Jugendliche» – so sagt Schuurman selbst: «Wir, die Jugend, haben ein zu grosses Recht auf das Leben, zu viel Leidenschaft, zu grosse Überzeugung und Selbstvertrauen, zu viel Willen und Mut, um uns so verarschen zu lassen.»(6) Trotzdem reagiert Alarm mit Begeisterung auf das Erscheinen von De Moker, im Gegensatz zu fast der gesamten proletarischen und libertären Presse:
«Sehr erfrischend. Einzig zur Propagierung der Sabotage publiziert. Genau wie Alarm bekämpfen sie jede Form von Lohnarbeit, denn die Arbeiter verstehen nicht, dass “so lange die Lohnarbeit existiert, die Ausbeutung eine Tatsache bleibt”. Die Zeitung kämpft also gegen die gewerkschaftliche Organisation, denn “die Gewerkschaften tragen zur Trägheit der Arbeiter bei”. Acht dieser jungen Anti-Syndikalisten wurden bereits wegen Agitation und Staatsgefährdung vor Gericht gestellt. Diese Zeitschrift ist also sehr vielversprechend. Die junge Generation soll die Lohnarbeit hassen, sie soll faul werden: Darin liegt der Untergang der Bourgeoisie.» (7)
Tatsächlich waren die meisten Leute von Moker anfangs zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Jahren alt. Schuurman war relativ «alt» im Vergleich zu den anderen der Gruppe. Ausserdem stammten alle Begründer der Gruppe und alle Zeitungsredakteure aus den radikalsten Strömungen einer Jugendemanzipationsbewegung. Eine Bewegung die Ende 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung entstand, die Holland etwas später erreichte, dessen lokale Auswirkung jedoch nicht weniger katastrophal als in anderen Ländern war. Davon betroffen waren besonders die jungen Menschen, daher die stark antikapitalistische Tendenz in dieser Bewegung. Diese jungen Leute sahen sich manchmal ab dem zwölften Lebensjahr schon beim kleinsten Ausdruck von Unzufriedenheit auf der Strasse mit den Säbeln der Polizei und den Gewehren der Armee konfrontiert: Sie verstanden also schnell, welche Ordnung in den Niederlanden verteidigt wurde. Zudem bildeten genau sie das Fussvolk der Armee, da sich die Reichen durch die Bezahlung einer Steuer dem Militärdienst entziehen konnten und trugen gleichzeitig dem Ausdruck einer stark antimilitaristischen Tendenz bei: Auf diesem fruchtbaren Boden wurde 1904 in Amsterdam die Internationale Antimilitaristische Vereinigung (IAMV) gegründet, inspiriert durch Ferdinand Domela Nieuwenhuis, «Grossvater» der sozialistischen und libertären Bewegung. Am Gründungskongress nahmen Delegierte aus England, Spanien, Belgien, der Schweiz und Frankreich (repräsentiert durch die Ligue antimilitariste, gegründet unter anderem von Georges Yvetot) teil. Die niederländische Abteilung war jedoch die einzige, die einen beachtlichen Erfolg erzielte: Mit Slogans wie «Keinen Menschen, keinen Groschen der Armee» und «Krieg dem Krieg», die systematisch von antikolonialistischen Losungen «Die Indonesier von Holland zu befreien» (8) begleitet wurden, fungierte sie mehrere Jahrzehnte lang, bis hin zum zweiten Weltkrieg, als Verbindungsstück zwischen verschiedenen libertären und antimilitaristischen Gruppierungen, die sich an den Kongressen und Sitzungen trafen, an den Kampagnen teilnahmen und zusammen die Zeitung De Wapes Neder [Nieder mit den Waffen] verbreiteten.
Mit dem Ende des ersten Weltkrieges erreichte die revolutionäre Welle, welche die alte Welt überflutete auch unser flaches, sich «neutral» nennendes Land (9): Aufstände gegen Lebenskosten und Versorgungsausfall, unzählige proletarische Demonstrationen, Streiks und sogar Meuterei in einer Kaserne. Im Umfeld der sozial-anarchistischen Jugend (Sociaal-Anarchistische Jeugd Organisaties, SAJO), eine Gruppierung junger Proletarier, die sich gegen die «Schlaffheit» der existierenden Organisationen auflehnten, versuchten einige nebst der Amsterdamer Börse auch ein Sprengstofflager in unmittelbarer Umgebung der Stadt in die Luft zu jagen. Das Pech brachte ihre Pläne jedoch zum Scheitern. In den Sitzungen und Publikationen dieser sozial-anarchistischen Jugend mischten sich die Diskussionen über die Prinzipien, aber auch und vor allem über die Praktiken der «Diktatur des Proletariats» mit jenen über die Rolle der Parteien und Gewerkschaften im revolutionären Kampf. Etwa um 1919-1920 hat die antibolschewistische Tendenz der sozial-anarchistischen Jugend, die den Organisationen jeglichen repräsentativen Charakter absprachen, alle anderen Organisationen in den Schatten gestellt, da sich jene den verschiedenen «erwachsenen» Organisationen anschlossen, den Kommunisten bis zu den Syndikalisten. Diese radikale Tendenz scharte sich 1922 um die Monatszeitschrift Alarm, die sich auf dem Modell von Nabat aus der revolutionären Ukraine (10) stützte, und schloss sich etwas später der Moker-Gruppe an.
Viele Moker-Mitglieder, wie Herman Schuurman selbst, gehörten vor dem Beitritt zur sozial-anarchistischen Jugend dem Verein jugendlicher Anti-Alkoholiker an (Jongelieden Geheelonthoudersbond, JGOB). Die Gewichtung, die in der sozialistischen Bewegung dem Antialkoholismus zugesprochen wird, ist bestimmt eine niederländische Besonderheit (selbst der berühmte Domela Nieuwenhuis erfand den Slogan: «Ein Arbeiter, der trinkt, denkt nicht. Ein Arbeiter, der denkt, trinkt nicht.»). Den Erfolg des Antialkoholismus bei der subversiven Jugend lag bestimmt zu einem grossen Teil an dem Kalvinismus, der die holländische Bevölkerung tief geprägt hat. Ausserdem haben viele junge Proletarier aus nächster Nähe miterlebt, wie der Alkoholismus die eigene Szene und die eigene Familie zerstörte. Für sie bedeutete der Antialkoholismus einerseits eine Emanzipation der Persönlichkeit und anderseits ein Protest gegen die sozialen Verhältnisse und stellte schon fast eine Bedingung für jegliche soziale Veränderung dar. Die Debatten der sozial-anarchistischen Jugend fanden auch im Umfeld des Vereins jugendlicher Anti-Alkoholiker statt. Und auch wenn einige seiner Mitglieder zu den Kommunisten wechselten, organisierten Herman Schuurman und seine sozialistischen Genossen Ende 1920 den Begründungskongress des Verbands der freien Jugend (Vrije Jeugd Verbond, VJV), wo folgende Grundsatzerklärung entstand:
«Der Verband der freien Jugend ist eine nationale Vereinigung junger Menschen, die sich bewusst sind, dass sie vor der lebenszerstörenden Situation nicht resignieren können. Jeder auf seine Weise und wenn möglich gemeinsam, arbeiten wir an der geistigen und sozialen Revolution. Dort, wo unsere Gesellschaft, die im Kapitalismus ihren Ausdruck findet und im Militarismus der daraus folgt, sich nur durch die Zerstörung der freien menschlichen Persönlichkeit aufrecht erhält, stellt sich der VJV hinter “die freie menschliche Persönlichkeit”. Um die Entwicklung der freien menschlichen Persönlichkeit anzutreiben, akzeptiert der VJV jedes Mittel, um die Faktoren, die dieses Ziel behindern, zu zerstören – Faktoren wie der Kapitalismus, der Militarismus, die Schule und die Religion.»
Der junge Herman Groenendaal, der ebenfalls den Verband der Antialkoholiker verlassen hatte, um dem Verband der freien Jugend beizutreten und der wegen Militärverweigerung im Gefängnis sass, startete im Juni 1921 einen Hungerstreik. Mit dieser Aktion löste er eine gigantische antimilitaristische Kampagne aus, die vom internationalen antimilitaristischen Verband lanciert und koordiniert wurde; während mehreren Monaten fanden Demonstrationen, Protestveranstaltungen und Streiks statt, an denen tausende Arbeiter teilnahmen. Weitere aufsässige Fahnenflüchtige taten es Groenendaal gleich und traten ebenfalls in den Hungerstreik. Anfangs November, als die Bewegung zu stagnieren begann, verübte eine kleine Gruppe von Aktivisten einen Bombenanschlag auf das Haus eines der Richter von Groenendaal, der vorallem beabsichtigte, die «Passivität» der Gewaltfreien (was übrigens auch auf Groenendaal zutraf) zu kritisieren. Einer der Täter sagte später:
«Die Leute waren verwundert, dass niemand von uns dreien eine spektakuläre Rede hielt, in dem Stil, wie es in Deutschland bei den alten Sozialdemokraten zur Zeit Wilhelms II. üblich war, und dass unsere Verteidiger unsere Ansichten nicht teilten. Zu Unrecht, denn die Tat war unsere Propaganda. Wir haben das gemacht, was wir zu sagen hatten. Unsere Aussage war an die Bourgeoisie und an das Proletariat gerichtet. Und das, was wir für die Zukunft zu sagen haben, bleibt stets dasselbe, auf etwas verschiedene Weise ausgedrückt. […] Was wir als aller erstes mit unserem Anschlag sagen wollten ist: Nun, Proletarier, ihr empfindet tiefe Bewunderung für den gewaltfreien Groenendaal, dann wacht auf und denkt über diesen Anschlag nach.» (11)
Natürlich provozierte dieser Anschlag einiges an Unstimmigkeiten und nur wenige Menschen schätzten diese Art von Kritik. Diejenigen, die ihr zustimmten und die Kampagne zur Verteidigung der Täter – die man zu schweren Strafen verurteilte – organisierten, bildeten bald die Gruppen im Umfeld von Alarm und etwas später von De Moker. Die beiden Gruppierungen waren sich sehr nahe, genau wie die sozial-anarchistische Jugend und der Verband der freien Jugend, so dass De Moker die Grundsatzerklärung des Verbands übernahm. (12)
Der von De Moker und Alarm verkündete Antimilitarismus unterscheidet sich systematisch vom libertären Antimilitarismus, der stark vom Pazifismus und der Ethik nach Tolstoï geprägt war – von dieser grundsätzlichen «Gewaltfreiheit», die mehr und mehr in jeder Protestbewegung um sich griff, um sie zu frustrieren und zu ersticken. Die Kritik des Militarismus, die von den Mokers entwickelt wurde, will tiefgreifender und konkreter sein. In einer Auseinandersetzung mit dem Manifest einer Gruppe mit bolschewistischen Tendenzen, das die Jugend aufruft, «den Umgang mit den Waffen» zu lernen, schildert Jo de Haas die Verknüpfung von Armee und Militarismus mit dem Staat und dem Kapital:
«Was für Spassvögel! Wir können nicht mit dem Krieg Schluss machen ohne die Weltrevolution, behaupten sie. Und für diese Marxisten, entspricht die Revolution einer Schlacht! Jeder versteht die absurden Konsequenzen davon. Der Kapitalismus hat Mittel erfunden, die fähig sind innert vierundzwanzig Stunden aus einer Stadt wie London einen Friedhof zu machen. “Die proletarische Armee” müsste somit über Gas, Bakterien, usw. verfügen, um in zehn Stunden aus London ein Friedhof zu machen. Denn sonst ist die Schlacht – die “Revolution”, wie sie es nennen – schon im voraus verloren […]. Dies haben bereits die Schüler verstanden, die sich nie auf eine Schlägerei einlassen würden, ohne einen Stock, der mindestens zehn Zentimeter länger ist, als jener ihres Gegners. Dies muss die Jugend jedoch verstehen: Die Sozialdemokraten streben nach der Eroberung der Staatsmacht. Im oben genannten Manifest steht geschrieben: “Wenn der Kapitalismus zerstört ist und überall die Arbeiter selbst die Staatsmacht in die Hand nehmen, wird der Krieg unmöglich.” Hier verbirgt sich der Betrug! Denn die Arbeiter werden die Staatsmacht nicht in die Hand nehmen. Es ist die Führung, die dies übernehmen wird! Dies ändert vieles und erklärt alles. […] In Russland wird die rote Armee von weissen Generälen angeführt, die genau wie hier auf die Streikenden schiessen und Frauendemonstrationen zerschlagen lassen. Stellt euch einen Moment lang vor, dass diese Soldaten nicht geschossen hätten…» (13)

Auszüge aus: Herman J. Schuurmans, Arbeit ist ein Verbrechen und Els van Daeles, Die Gruppe «De Moker», Die rebellische Jugend in der holländischen libertären Bewegung der wilden Zwanziger, Editions Antisociales, Amsterdam-Paris, 2008

Editions antisociales
A corps perdu

Fußnoten
1) Ein moker (im Fachjargon auch vuist, «Faust» genannt) ist eine Art kleiner Hammer (vgl. Moker-Logo).
2) Die erste niederländische Übersetzung der bekannten Broschüre von Lafargue. Sie wurde von J. de Wachter erstellt und erschien im Jahr 1916.
3) J. Verhave, «Het moet!» («Man muss»), De Moker Nr. 4, 10. Februar 1924.
4) Fike van der Burght, Die moker en alarmgroepen bestonden niet om te bestaan als groep: sociaal anarchistiese jeugdbeweging in Nederland 1918-1928 [Die Gruppen De Moker und Alarm existierten nicht um als Gruppe zu existieren: Die Bewegung der sozial-anarchistischen Jugend in den Niederlanden von 1918 bis 1928], Amsterdam, 1982, S. 44. Zahlreiche Informationen in diesem Text stammen aus dem genannten Buch und aus dem Werk von Ger Harmsen, Blauwe en rode jeugd. Ontstaan, ontwikkeling en teruggang van de Nederlandse jeugdbeweging tussen 1853 en 1940 [Blaue und rote Jugend. Entstehung, Entwicklung und Rückgang der Jugendbewegung in den Niederlanden von 1853 bis 1940], Nijmegen, 1975.
5) A. J. Jansma, «Luiheid en kapitalisme» [«Faulheit und Kapitalismus»], Alarm. Anarchistisch maandblad, nr. 6, 1922.
6) Fike van der Burgh, vgl., S. 35
7) Meldung zur Erscheinung von De Moker von Jo de Haas, in Alarm, im Januar 1924.
8) Der niederländische Staat, der 1799 das Prädationsrecht auf dem indonesischen Archipel erbte, das bis anhin von den holländischen Kompanien des oriantalischen Indiens gehalten wurde, sieht sich ein Jahrhundert später in der Epoche des «Imperialismus» gezwungen, sein Monopol gegen die schonungslose Gier der neuen Konkurrenten in der Plünderung zu verteidigen und unternahm als Reaktion eine unheilsverkündende «Befriedung» des «Ceinture d’émeraude», um sich dort definitiv seine Macht zu sichern und daraus grösseren Profit zu ziehen. Im Rahmen mehrerer militärischer Kampagnen, in welchen man mit äusserster Grausamkeit dem heftigen Widerstand der indigenen Bevölkerung entgegnete, löste die holländische Armee schliesslich die noch immer intakten feudalen Beziehungen mit diversen Fürstentümern und Sultaneien auf, die die abolute Unterwerfung nicht garantieren konnten, und führte dort den modernen Kapitalismus und seine industrielle Ausbeutung des Grundes und des Untergrundes ein, mit seinen Erdölfeldern, seinen riesigen Minen und Plantagen, was eine Verlagerung des Proletariats auf die indonesischen Inseln, auf das asiatische Festland sowie nach Afrika mit sich brachte. Die regelmässige Aufdeckung der von der Armee und den Kolonien verübten Grausamkeiten, betrübte gewiss das öffentliche Bild von Holland, führten manchmal zu parlamentarischem Disput, doch nur die Anarchisten und, etwas später, die üblichen trotzkistischen Kommunisten aus Seevliet (Gründer der Partai Komunis Indonesia im Jahr 1914) und Rätekommunisten, bezogen entschlossen für den indonesischen Widerstand Stellung. Die Antimilitaristen stellten sich vor allem gegen «Das Senden junger Holländer zur Sicherung der Profite der orientalischen Bourgeoisie». Jene, die sich um Alarm und De Moker sammelten, präzisierten ihre Position, indem sie deklarierten «Die Indonesier vom Kapitalismus und somit von Holland befreien zu wollen»; und sie bekräftigten, dass der beste Unterstützungsbeitrag für die Indonesier in ihrem Befreiungskampf, sowie das beste Mittel um die nationalistische Sache von der Sache des internationalistischen Proletarischen überwunden zu sehen, das Untergraben der Wurzeln des Imperialismus in den Metropolen selbst ist: Das Untergraben des Kapitalismus.
9) Holland war während des ersten Weltkriegs offiziell «neutral» und blieb es bis zur Invasion der Deutschen im Mai 1940.
10) Nach Anton Constandse, Mitbegründer und Redakteur von Alarm, «fand eine Annäherung statt, zwischen den Rätekommunisten, die die Kommunistische Partei verliessen (wie Leen van der Linde, Piet Kooijman, Wim Hoeders) und anarchistischen Gruppen wie den Alarmisten, die einige radikale marxistische Konzepte über die Ökonomie übernahmen, die auch die des Syndikalisten Georges Sorel waren. Während der Zeit, als man sie zu den Anarchosyndikalisten zählen konnte, sahen auch sie in dieser Bewegung einen Ausdruck des Klassenkampfes, der ohne Umschweife zu allernächst auf die Betriebe abzielte. Die Idee der Betriebsbesetzungen war eine Form der «Diktatur des Proletariats», und also eben gerade nicht jene einer «Diktatur der Partei». Der übliche Anarchist der Alarmisten blieb von den Verbindungen mit den Rätekommunisten geprägt.» (De Alarmisten, 1918-1933, Amsterdam, 1975.)
11) Ein Zitat von Leen van der Linde in P. A. Kooijmans, Neem en eet. Bomaanslag en opruiing als sociale filosofie [Nimm und iss. Bombenattentat und Anstiftung von Revolte als soziale Philosophie], «Manifesten», L. J. C. Boucher, La Haye, ohne Datum (um die 1970er Jahre), S. 18-19. In dem anderen Abschnitt erklären sich die Urheber des Attentats schriftlich in P. A. Kooijman, L. v. d. Linde und Jo de Haas’s, De Revolutionnaire Daad, Uitgave: Agitatie-Commissie: Weg met de Partijen, de Vakorganisaties en de Bonzen [Die revolutionäre Tat, Ausgabe: Agitations-Kommission: Nieder mit den Parteien, den syndikalistischen Organisationen und den Bonzen], 1922. Anton Constandse merkte ausserdem an, das zwei der Attentäter aus dissidenten marxistischen Gruppen kamen. «Es war zu der Zeit bereits zu bemerken, das die sozial-Anarchisten gelegentlich mit Marxisten zusammenarbeiteten, denen die Rätekommunistischen Prinzipien zusagten. Sie fanden sich gegenseitig wieder in der Verteidigung des Aufstands von Kronstadt von 1921.» (Dr. A. I., Constandse, Anarchisme von de daad von 1848 tot heden [Die Anarchisten und die Propaganda der Tat von 1848 bis heute], La Haye, 1970, S. 178.). Um die Bewegung zu beschleunigen zu versuchen, stellten sie sich vor, den Bürgermeister von Amsterdam zu kidnappen und ihm jegliche Nahrung zu verweigern, bis Groenendaal befreit sei… Man plante auch ein Attentat auf einen Werftbesitzer zu begehen, der für das Aussperren der Metallarbeiter, die keine gute Leistung mehr erbringen konnten, verantwortlich war; aber all dies bestätigte, dass ihr Hauptantrieb nicht die Solidarität mit Groenendaal war oder die antimilitaristische Sache, sondern eher ihr «zerstörerisches Verlangen» gegenüber dem gesamten kapitalistischen System.
12) Diese Deklaration wurde in jeder Ausgabe von De Moker abgedruckt. Die gemässigteren Mitglieder des Verbands der freien Jugend regruppierten sich um das Periodika De Kreet der Jongeren [Der Schrei der Jungendlichen], und etwas später, De Branding [Die Brandung]. Es existierte auch ein internes Blatt des Verbands, das beide Tendenzen abdeckte, namens De Pook [der Schürhaken]
13) De Moker, nr. 11, 1. Oktober 1924.