Die Gruppe De Moker – Die rebellische Jugend in der holländischen libertären Bewegung der wilden Zwanziger (II)

Hämmernde Kritik
Unbestritten war Herman Schuurman eine zentrale Figur von De Moker, zumindest in den ersten Jahren, als er der Redakteur der Zeitschrift war, zahlreiche Artikel und Übersetzungen aus dem Deutschen publizierte und üblicherweise auch das Deckblatt 14 gestaltete. Unter dem Titel «Notizen eines Jugendlichen» lieferte er regelmässig seine Kommentare und Analysen über aktuelle Geschehnisse im Ausland und die Folgerungen, die er für seine niederländischen Genossen daraus zog. Zum Beispiel in De Moker vom 10. Februar 1924:
«In England sind die Sozialdemokraten plötzlich an die Macht gekommen. Dank einer forcierten Regierungskrise, der Auflösung des Unterhauses und den Wahlen, erhielten sie eine grosse Anzahl Sitze. Die Arbeiter werden nun dieselben Wohltaten geniessen, wie die, die in Deutschland und Österreich von den Chefs der II. Internationalen erbracht wurden. Die englischen “sozialistischen” Minister standen den führenden Sozialdemokraten des grossen Kapitals unterwerflich und auf eine besonders nette Art zu Diensten […]. Wie all ihre Vorgänger sind sie kriecherische und sklavenhafte Diener des grossen anglo-niederländischen Erdölkonzerns Royal Dutch Shell Co. […] Diese Herren wollten in den Niederlanden dasselbe kleine Spielchen spielen. Während der Regierungskrise erklärte Trolestra [Führer der Sozialdemokraten], dass die SDAP die Führung der Regierung übernehmen wollte. [….] Was ihnen nicht gelang. […] Diese Verräter der Arbeiter würden noch so gerne in die Regierung eintreten. Denn damit wären sie in Sicherheit. […] Die Arbeiterführer sind die grössten Feinde der Menschheit. Sie können ihrer Machtgier nur freien Lauf lassen, solange die Arbeiter Sklaven bleiben.»
In De Moker vom 1. Januar 1925:
«Der diplomatische Vertreter von Russland hat Mussolini in Rom zu einem Festmahl eingeladen, sein Kollege in Berlin wurde vom Nuntius Pacelli, dem Vertreter des Papstes, besucht. In London hat Rakovski [für Rakovsky, ein russischer Diplomat] einen Toast auf den englischen König gesprochen. Und Krass (für Krassine, ein weiterer russischer Diplomat) ist diese Woche in Paris angekommen. Alles spielte sich im Rahmen der alten machiavellistischen Tradition der Diplomatie ab. Mit durchwegs kapitalistischer List, wissen die russischen Despoten die Interessen der verschiedenen Staaten gegeneinander auszuspielen, wovon das Volk, die Arbeiter dann letztlich die Opfer sind. […] Am 19. Dezember ist es ein Jahr her, dass die ungeschützten Gefangenen massakriert wurden, die sich in der bolschewistischen Hölle auf der Insel Solovetsky am Weissen Meer befanden. Auf der ganzen Welt wird dieser Tag in den Seelen der Herzen, die die Freiheit des Menschen lieben, eingeprägt bleiben. Und sie wissen, dass sie alle Regierungen zerstören müssen, bis nichts mehr übrig ist.»
In De Moker vom 15. Oktober 1926, während des grossen Streiks der Minenarbeiter in England:
«Endlich! Endlich Neuigkeiten aus Frankreich, die Hoffnung aufkommen lassen, die aufzeigen, dass die Minenarbeiter sich nicht länger von den Reden und Konferenzen betrügen lassen und nun gewillt sind, die letztendlich einzige Methode anzuwenden, um die Beständigkeit des Kapitalismus zu zerschlagen – nämlich jene, der Sabotage […]. Jetzt, da die Entscheidung, die Minenarbeiten zu stoppen, endlich gefällt wurde [wegen dem Explosions-, Einsturzrisikos, etc.], breitet sich das Geheule der “Arbeiterführer” aller Sorten von überall her aus. […] Die Führer, die nach einem Jahr Sitzungen und Briefverkehr wussten, dass die Regierung und die Minenbesitzer auf diesen Streik vorbereitet waren und solange durchhalten konnten, bis die Arbeiter aufgaben;
Die Führer, die die Regierung anflehten, keinen “Generalstreik” zu provozieren;
Die Führer, die inständig für Ruhe und Ordnung baten und dafür sorgten, dass der Lebensmittel- und Kohletransport reibungslos weiterfunktionierte.
Diese Führer beschweren sich nun lautstark, dass die Arbeiter – nachdem tausende von ihnen die Hoffnung aufgegeben haben – endlich beginnen in Betracht zu ziehen die Minen zu überschwemmen. Aus revolutionärer Sicht ist dies die einzig richtige Methode. Wenn es den Arbeitern nicht möglich ist, die Betriebe zu besetzen, sollten sie vernichtet werden. […] Auch in den Minen der Niederlande droht ein Arbeiterstreik […]. Es wird so bleiben, solange die Gewerkschaften der Minenarbeiter die Macht in ihren Händen haben. Eine Geschichte des Verrats und des Märtyrertums, wie heute in England und vor zwei Jahren mit den Textilarbeitern in Twente. Genossen, setzen wir alles daran, dass im Falle einer Handlung, diese eine revolutionäre Form annimmt. Verstärken wir unsere Bemühungen, damit sich die Arbeiter endlich den langen Streiks widerstreben. Unterstützt die Besetzung der Betriebe, ansonsten, macht Platz der Sabotage!»
Während des zweiten Jahres verschwindet Schuurman aus dem Redaktionskomitee (das anonym wird). Dennoch dauert die Zusammenarbeit mit De Moker noch bis 1927 an, als er sich vor allem in der internationalen Kampagne für Sacco und Vanzetti einsetzte. Wenig später verlässt er die Bewegung und zieht sich in sein Privatleben zurück 15. Mit Die Arbeit ist ein Verbrechen hat er perfekt das zusammengefasst, was die Moker-Jugend in die Praxis umzusetzen versuchte, ihr Programm. Nach mündlicher Überlieferung bestand die Gruppe aus ungefähr fünfhundert Jungen und Mädchen (die deutlich in der Minderheit waren), aus dem ganzen Land, insbesondere dem Norden und dem Westen. Es gab keine führenden Personen, abgesehen davon, dass das Redaktionskomitee von De Moker den Inhalt der Zeitschrift festlegte. In zahlreichen Ausgaben findet man Listen mit nicht angenommen Artikeln und einer stark zusammengefassten Begründung wie: «unangemessen, Brief folgt», «sehr verwirrt, versuche dich auf einen Punkt zu fixieren», «zu lange», «schlecht verfasst», «widersprüchlich», usw.. Am vierteljährlichen Kongress wertete die Versammlung die Redaktion aus und ernannte unter Umständen neue Redakteure. Es existierte auch keine Mitgliederliste: Es reichte aus, auf irgendeine Art bei De Moker mitzuwirken. So steht in «einem zusammefassenden Bericht der vierteljährlichen Sitzung der “Mokers” vom 10.April 1927»:
«Im Vergleich von einigen Jahren können wir feststellen, dass sich die Kommunikation auf nationaler Ebene verbessert hat und dass sich die Jugendlichen der verschiedenen Landesteile untereinander besser kennenlernten. Ausserdem gibt es internationale Kontakte. Wir haben eine unabhängige Zeitschrift […] voller kleiner kräftiger Artikel, die von der Jugend selbst verfasst wurden. Ausserdem wird die Zeitung auch von den Jugendlichen selbst an die Menschen verteilt: Sie ist Ausdruck eines wunderschönen Aspekts des Kampfes.» (16)
Für viele Beteiligte bestand die Mitarbeit bei De Moker hauptsächlich darin, monatlich die drei- bis teilweise sogar viertausend Exemplare zu verteilen, was oft Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern und der Polizei provozierte. Dies führte zu Verhaftungen, während die Zeitungen oft beschlagnahmt und die Redakteure mehrfach zu harten Strafen verurteilt wurden. Doch die Mokers sahen diese Repression als Propaganda für ihre Sache. Nach einer Reihe von Durchsuchungen, Verhaftungen von Mitarbeitern bis nach Anvers in Belgien, der Verurteilung eines Redakteurs zu zwei Monaten Gefängnis und den Schüssen, die von der Amsterdamer Polizei während einer Auseinandersetzung abgefeuert wurden, konnte De Moker folgendes behaupten:
«Somit wurde unser Moker die Zeitung, von der sich die Besitzenden und Chefs am meisten bedroht fühlen, weil wir die Jugend dazu auffordern, Menschen zu sein. […] Weil wir der Jugend bewusst machen, dass der Kapitalismus durch ihre Arbeit besteht und dass sie ihm deshalb ihre Arbeitskraft verweigern müssen. [….] Aus diesem Grund hetzt die Macht ihre blutrünstigen Hunde auf uns. In unserem grossartigen Kampf für die Vermenschlichung der Menschheit steht uns die Front der unerbittlichen Besitzenden und Chefs gegenüber.» (17)
In diesem Artikel, wie in vielen anderen, sieht man, wie die Ideen Bakunins hervordringen. Insbesondere jene aus Gott und der Staat, seines bekanntestes Buches, das auf Niederländisch mit der grössten Auflage erschien. In diesem Werk spricht er von der menschlichen Emanzipation gegenüber der religiösen Unterwürfigkeit – in der er die Ursprünge des tierischen Wesens im Menschen sieht – und von der «Aufgabe» des Menschen, immer menschlicher zu werden und gleichzeitig Gott und den Staat abzuschaffen. Auch für die Jugend von De Moker war die Freiheit die Essenz des Lebens. Ihre Kontrahenten innerhalb der Bewegung haben sie oft wegen ihres «extremen Subjektivismus», ihres risikohaften Verhaltens und dem, was sie «Märtyrerbereitschaft» nannten, verunglimpft, ungeachtet der Tatsache, dass von vielen der Arbeiter selbst der Alltag als «etwas Märtyrerhaftes» betrachtet wurde (und wird) – und dies nicht nur von denen, die die Arbeit als ein Verbrechen ansehen. Trotzdem heisst das nicht, dass die Mokers keine Versuche unternahmen, der unvermeidlichen Repression die Stirn zu bieten. Zum Beispiel machte man folgenden Vorschlag, um die Militärverweigerer zu schützen: “Wie in Amsterdam, wo das ganze Quartier sich auflehnt, wenn ein Arbeiter von der Polizei aus seiner Wohnung geworfen wird, genauso muss das Quartier protestieren, wenn ein Verweigerer von der Polizei aus seiner Wohnung geführt wird. Und wenn man versucht, ihn an seinem Arbeitsplatz zu verhaften, dann sollen sich seine Genossen solidarisch zeigen und die Arbeit niederlegen.» 18 In De Moker ermahnte man manchmal die Wildesten zu etwas mehr Vorsicht gegenüber den Polizeikräften. Gewisse Texte weisen darauf hin, dass eine Diskussion über die Guerilla-Methoden am Laufen war. Anfangs 1926, nach einem gescheiterten Versuch, sich mit den moderateren Mitgliedern des Verbands der freien Jugend zusammenzuschliessen, nahm das Redaktionskomitee als kollektive Unterschrift den Namen «Teun der Abbrucharbeiter, umherziehender Vertreiber von Dynamit und Brecheisen» an, wo die Artikel hingegen nur mit Initialen oder Fantasienamen wie «Rebell», «Jemand», «Rotznase» unterschrieben wurden. In diesem Zusammenhang muss man die relative Undurchdringlichkeit der Moker-Gruppe erkennen. Die Mitglieder der verschiedenen Gruppen kannten sich gut, trafen sich bei ihnen zu Hause, teilten alles und operierten in freundschaftlichen Banden. So bildeten sie eine Schranke gegen kleine Profiteure, die sich auf Kosten ihrer Genossen als Revolutionäre aufspielten, aber auch gegen Polizeispitzel.
Es ist klar, dass die Methoden der Jungen «Mokers» in erster Linie provokativ waren. Dasselbe gilt auch für ihre Moral, wie streng sie uns heute auch erscheinen mag. Jungen und Mädchen konnten frei miteinander verkehren, sie badeten nackt, sie tranken nicht und viele von ihnen waren Vegetarier, das Rauchen wurde nicht gern gesehen, genauso wie den moralisch ausschweifenden Lebenswandel. Sie vagabundierten, hatten Kontakte mit der deutschen Landstreicherbewegung und einige reisten ein bisschen überall in ganz Europa umher. Sie lehnten die Anfänge der spektakulären Genusses – den Fussball und das Kino – ab, da sie ihn mit «der Kirche und dem Bistro» gleichsetzten. Ein Redakteur, der mit seinem Vornamen Gerrit unterschreibt, erklärt sich dies folgendermassen:
«Die schädlichen Auswirkungen des Alkohols auf den menschlichen Körper sind ausreichend bekannt», dennoch «ist der Alkohol nicht die Ursache, sondern nur die Konsequenz von diesem ganzen Elend. Seht, wie nun der Schnaps vom “Sport” ersetzt wird. Wie sich die Menschen dem Schreien und Gebrüll um das Fussballfeld hingeben, während sich die Arbeiterklasse immer mehr mit der Frage der Enthaltsamkeit beschäftigt. Und dies wird immer so sein. Jene, die sich die Passivität der Arbeiterklasse zu Nutzen machen, werden immer neue Methoden der Vergiftung finden. Solange ihr die Auswirkungen und nicht die Ursachen bekämpft, wird dies immer so sein. […] Oh, wir möchten all diesen Blauäugigen zurufen: “Hört auf euch gegen den Alkoholismus zu beschweren:” Kämpft nicht gegen den Exzess, sondern greift die Ursachen an. Kommt und “mokert” mit uns.» (19)
Es gab sogar solche, die so sehr «gegen das System» waren, dass sie auf die Sozialhilfe verzichteten, auf die sie ein «Recht» hatten. Und wenn viele unter ihnen trotzdem arbeiteten, um zu überleben, dann waren dies vor allem Gelegenheitsjobs, die ihnen keine Existenzsicherheit gaben. Für den Rest gaben sie sich der Zechprellerei hin, «singend und tanzend verdienten sie ihr Leben» – wie es ihnen die angepassten Kleinbürger vorwarfen: «Die falsche Ethik des Kapitalismus und den Respekt gegenüber dem Privateigentum haben wir verbannt. Nach den Bedürfnissen zu leben und die Besitzenden zu enteignen sind für uns vernünftige und moralische Lebensprinzipien.» 20 Von den Sabotageakten, die sie so lebhaft propagierten, sind mit Ausnahme von einigen breit angelegten Aktionen wenige Spuren zu finden. So erzählt ein Ex-Moker später, dass sie einen wichtigen Knoten des Elektrizitätsnetzes in Amsterdam sabotierten und zwar so gut, dass «es kein Licht mehr gab und die Fabriken nicht mehr funktionierten» 21. Am 1. Juli 1924 erwähnte De Moker mit Zustimmung eine Explosion eines Pulverlagers, Brände in einem Hangar für Artillerie, in einem Gendarmeriegebäude und in einem Waffenlager. Als die Repression etwas später seine Mitarbeiter trifft, reagiert De Mokers mit Frechheit und zeigt sich glücklich darüber, dass die Presse Propaganda für ihre Ideen macht. 22 Trotz alldem blieb der Einsatz von Sprengstoff in Holland eine Seltenheit.
Wie es in ihrer Grundsatzerklärung erwähnt wird, ist das Schulsystem eines ihrer Ziele. «Alle Schulen müssen in Brand gesteckt werden», schreibt Jacob Knap in De Moker: «Das Schulsystem macht aus den Kindern feige, schlaffe Menschen ohne Bewusstsein, die sich so sehr daran gewöhnen, herumkommandiert zu werden, dass sie die Demütigung nicht mehr erkennen. […] Die Emanzipation wird erst dann erreicht, wenn die Proletarier ihre Führer fortjagen und von sich selbst aus agieren.» (23) Trotzdem waren die Leute der Moker-Gruppe nicht nur «Aktivisten», generell gesehen waren sie Wissbegierige. Die gebildeten unter ihnen – oft Lehrer, die aufgrund ihrer Vorstrafen keine Anstellung mehr fanden oder aus Prinzip nicht im Schulsystem arbeiten wollten – halfen den anderen. Sie lasen die «Klassiker» – zumindest die wenigen Bücher, die auf Niederländisch oder im Notfall auf Deutsch übersetzt waren. Sie machten Musik, organisierten Sprachkurse (unter anderem Esperanto), Zeichnungskurse und Kurse für andere grafische Techniken und schenkten der Form ihrer Publikationen grosse Wichtigkeit. Sie organisierten auch Konferenzen und Debatten, die viele Menschen anzogen und oft sehr hitzig waren. Zusammen mit De Moker verteilten sie auch Alarm und andere libertäre Zeitschriften, sowie dutzende Broschüren und Büchlein über die antimilitaristische, anarchistische und proletarische Bewegung. Neben den vierteljährlichen Kongressen, die sie zusammen mit anderen Gruppierungen des Verbands der freien Jugend durchführten, organisierten sie jährlich während den Pfingstferien libertäre antikapitalistische und vor allem antimilitaristische «Mobilisierungen». So berichtet De Moker am 10. Juli 1926 über «die dritte Pfingstmobilisierung der antimilitaristischen Jugend» in Soest: Die Polizei und die Armee patrouillieren, an den Landesgrenzen wird versucht, die ausländischen Genossen zu blockieren. Unter ihnen dreihundert Holländer, zweihundert Deutsche, und andere aus Belgien, der Schweiz, Österreich, England und Frankreich. In Frankreich werden unermüdliche Anstrengungen für die Agitation gegen den Krieg in Marokko und Syrien gemacht. Dort ist es sehr schwierig Propaganda zu machen: Für das Aufhängen von Plakaten drohen sechs, acht oder mehr Monate Gefängnis. Die Militärverweigerung ist in Frankreich praktisch unmöglich. Ein Verweigerer wird jedes Mal zu fünf Jahren Knast verurteilt, bis er das Alter von achtundvierzig Jahren erreicht hat.» (Und heute noch, während die in Holland sowie überall hart «erkämpften Rechte» schnell wieder abgeschafft wurden, können die lokalen Unterdrücker mit ihrer Milde verglichen mit ihren Kollegen aus den Nachbarländern prahlen.)
Kurz vor seinem plötzlichen Tod, drückte Klaas Blauw mit bitteren Worten die Frustration und die Motivation, dieser Aufgebrachten (ohne Revolution) aus:
«Fast alles, was man heutzutage Arbeit nennt, zerstört unsere Körper […]. Die Menschen zerstören ihre Körper mit der schlechten Nahrung, die sie selbst produzieren. Sie zerstören ihre Köpfe mit Worten und Ideen, die sie auf sich nehmen, um sich mit ihrer Existenz abzufinden. Falls dies nicht ausreicht, gibt es den Alkohol, Morphium, Fussball, Kino und Frauen, um das Elend zu vergessen und die Religion, um von einem kommenden Glück zu träumen. […] Und wir? Wir wollen, so lange wie möglich, einen lebenden Körper, Gesundheit, Kraft und ein denkendes Gehirn, wir wollen kreieren und geniessen. Wir wollen unseres und alles Leben geniessen […] Wir haben Ideen, doch wir können sie nicht in die Realität umsetzen. Wir träumen von guten und schönen Sachen, doch erlaubt die Gesellschaft nicht, dass wir sie zum Ausdruck bringen und sie physisch greifbar machen. […] Der Staat hält uns in seinem Netz der Gesetze gefangen, mit geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und Vorschriften. Wenn wir trotz allem unseren Trieb nicht beherrschen können und wir etwas tun wollen, dann können wir unserem “jugendlichen Leichtsinn” freien Lauf lassen auf den eintönigen Mauern der Gefängnisse, als durchnummerierte Gauner. Unsere Herzen glühen vor wildem Hass gegen diese Gesellschaft, die das mit uns macht, die uns zwingt, uns durch die Arbeit selbst zu vergewaltigen oder dem Nichtstun zu erliegen. Aber wir erheben uns und unterliegen nicht. Wir nutzen unsere Kräfte, wir werden SCHWITZEN und SCHUFTEN. Aber unsere einzige Arbeit ist die Beseitigung einer lukrativen Organisation, die sich kapitalistische Gesellschaft nennt. Es ist die einzige Arbeit, die uns jetzt gefällt, denn so befreien wir die Erde. Sie befriedigt uns nicht, wir müssen das Neue erschaffen können, das nicht wie das Alte erstarrt, sondern sich bewegendes Leben sein soll. Aber vorher… können wir nicht anders. Kapitalist nimm dich in Acht, ob klein, gross, ganz oder halb. Arbeiter nimm dich in Acht, wenn du gegen uns bist und für deinen Chef kämpfst oder du selbst nach der Macht strebst. Nehmt euch in Acht, denn derselbe makabre Tanz wird euch mitreissen. Wir beseitigen euren Staat mit Hammerschlägen – und eure Köpfe werden folgen. Denn ihr seid die Feinde des Lebens, solange ihr nicht mit uns kämpft.» (24)

Auszüge aus: Herman J. Schuurmans, Arbeit ist ein Verbrechen und Els van Daeles, Die Gruppe «De Moker», Die rebellische Jugend in der holländischen libertären Bewegung der wilden Zwanziger, Editions Antisociales, Amsterdam-Paris, 2008

Editions antisociales
A corps perdu

Fußnoten
14) Siehe Illustration auf S. 66, Darstellung des Deckblats von De Moker, nr. 12, 1. Novembre 1924.
15) Es gab Konflikte und Streitereien zwischen den Leuten, kleine Machtspielchen, Gerüchte, etc., doch das ist mit dem bisschen Geschichte, die man kennt, und aufgrund mangelnder Dokumente schwierig zu beurteilen und wenig interessant.
16) De Moker, nr. 30, Mai 1927.
17) Herman Schuurman, «De Bloedhonden zijn los» [«Die Bluthunde sind los»], De Moker, nr. 12, 1. November 1924.
18) Rinus van de Brink, «Niet in de kazerne – Niet in de gevangenis» [«Weder in der Kaserne noch im Gefängnis»], De Moker, nr. 11, 1. Oktober 1924.
19) «Jeugd en alcohol zijn vijanden» [«die Jugend und der Alkohol sind einander Feinde»], De Moker, nr. 8, 1. Julli 1924.
20) De Moker, nr. 9, 1. August 1924.
21) Zitiert aus Fike van der Burghts, Die moker en alarmgroepen bestonden niet om te bestaan als groep, S. 27. Sie betonte auch, dass «es schwierig ist auszumachen, in welchem Ausmass man die Sabotage von Betrieben, Fabriken und Ateliers wirklich in die Praxis umsetzte. Diese Sachen schrieb man nicht nieder, das war zu riskant». Die Sabotage zielte ausserdem praktisch immer auf Gebäude oder Militärische Einrichtungen ab.
22) Herman Schuurman, «Wie zijn de brandstichters?» [«Wer sind die Brandstifter?»], De Moker, nr. 15, 1. Februar 1925.
23) Jac. Knap, «School- en Partijgif» [« Das Gift der Schule und der Partei»], De Moker, nr. 5, 1. März 1924.
24) «Daad-loos» [«Tatenlos»], De Moker, nr. 4, 10. Februar 1924.

Genau aus diesem Grund werden wir bewusst alle kapitalistischen Unternehmen sabotieren. Jeder Chef wird durch uns Verluste erleiden. Dort wo wir jungen Rebellierenden genötigt werden zu arbeiten, werden die Rohstoffe, die Maschinen und die Produkte notwendigerweise ausser Betrieb gesetzt. In jedem Moment werden die Zähne aus den Zahnradgetrieben fliegen, die Messer und die Scheren zerbrechen, die wichtigsten Werkzeuge verschwinden – und wir werden unsere Rezepte und Mittel bekannt geben.
Wir wollen nicht durch den Kapitalismus krepieren: Deshalb wird der Kapitalismus durch uns krepieren.

Herman J. Schuurman, Die Arbeit ist ein Verbrechen, 1924

Diejenigen, die denken, dass “mit einem Groschen mehr und einer Stunde weniger” die Revolution angeregt wird, beweisen schliesslich, dass sie nichts, und zwar wirklich gar nichts, von den psychologischen Faktoren verstanden haben, die zu einer solchen sozialen Veränderung führen und sie vorantreiben sollten. Und derjenige, der wie E.B. sogar so weit geht, und die “revolutionäre Übung” als Kampf für die Verbesserung des eigenen Schicksals im Rahmen der bestehenden Verhältnissen sieht und ein beschränktes kollektives Interesse aufbring, überschreitet die Grenze, an der der Ernst zum Lächerlichen wird.
De Moker, nr. 27, 15 November 1926