Stufen und Pendel
Grundkurs Arbeiterklasse mit Beverly Silver (Teil 2): Was den Widerstand nach Karl Marx vom Widerstand nach Karl Polanyi unterscheidet
Von Reinhard Jellen

Um die neuere Geschichte der Kämpfe zwischen Kapital und Arbeiterklasse in »Forces Of Labor« adäquat nachzeichnen zu können, unterscheidet Beverly Silver zwei Formen des Widerstands der Lohnabhängigen: marxsche und polanyische Arbeiterunruhen. Beide richten sich gegen die Tendenz des Kapitals, die Arbeitskraft als eine Ware unter anderen zu behandeln. Silver spricht hier von der »Arbeit als fiktiver Ware«: Zeigt Marx, daß der Kampf der Arbeitskraftbesitzer sich gegen die Tendenz des Kapitals, diese Ware maximal auszubeuten, richtet, ist der fiktive Charakter der Ware Arbeitskraft bei Karl Polanyi dadurch gekennzeichnet, daß sie – wie der Boden und das Geld – nicht eigens für den Markt gemacht ist, weshalb die hemmungslose Erweiterung der Marktsphäre katastrophale gesellschaftliche Zustände zeitigt. Die Zerstörungen bringen nach Polanyi zwangsläufig Gegenbewegungen zum »Selbstschutz der Gesellschaft« hervor.

Die zwei Typen des Widerstands stehen für unterscheidbare, aber verwandte Verlaufsformen des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit. Bei Marx reproduzieren sich die Widersprüche der kapitalistischen Akkumulation in der Sphäre der Produktion auf jeder Stufe neu: Vom Handwerk über die Manufaktur bis zum Maschinensystem löst und reproduziert sich der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, und zwar dergestalt, daß die Marktmacht der Arbeiter abnehmen kann, während ihre Produktions- und Organisationsmacht unter der Hand zunimmt. Aufgrund ihrer aparten Stellung im Produktionsprozeß sind die Arbeiter nicht nur Variablen, sondern auch Subjekte der kapitalistischen Wertschöpfung. Mit jeder Umwälzung einer Produktionsmethode, welche die alten Formen von Arbeitermacht untergräbt, wachsen neue Formen von Widerstandsvermögen nach, für welche das Kapital noch anfälliger ist als vorher.

Der ungarische Wirtschaftswissenschaftler Polanyi hingegen steht für den laschen Konsens der Globalisierungskritiker. Er geht für den Sektor des Arbeitsmarkts von einer sich wiederholenden Pendelbewegung zwischen Kapital und Arbeit aus. Jede Ausweitungs- und Vertiefungsstrategie in Richtung eines selbstregulierten Arbeitsmarktes ruft ihm zufolge früher oder später Gegenbewegungen hervor, welche eine Neuregulierung dieses Marktes durch Sozialgesetze und -versicherungen durchzusetzen imstande sind, bis die Kapital- oder die Arbeiterseite diesen Kompromiß aufkündigt und der Kampf neu beginnt. Bismarcks Sozialgesetzgebung war der Versuch, die sich organisierende Arbeiterklasse schon in ihren Anfängen zu zähmen. Die sozialen Errungenschaften wurden in den 20er Jahren wieder zurückgenommen, worauf die Legitimationskrise des kapitalistischen Systems in zuerst faschistische und nationalsozialistische, später sozialistische und keynesianistische Systeme mündete. Der Klassenkompromiß, der in den westlichen Metropolen nach dem zweiten Weltkrieg über 40 Jahre lang hielt, wird nun durch eine Offensive des Kapitals wieder zurückgenommen, wobei die Umstellung des Akkumulationsmodus weg von der Produktion hin zur Spekulation nach Silver eine beabsichtigte Schwächung der Arbeiterklasse durch das Kapital darstellt.

Die Lage der Arbeiterklasse bleibt für Silver ambivalent. Durch die Kombination des marxschen Stufenmodells und des polanyischen Pendelmusters gelingt es ihr, sowohl die räumliche Verschiebung der Unruhezyklen wie auch die Umwälzungen innerhalb der Produktionsweisen als eine Entwicklung zu charakterisieren, in der die Reaktionen der Lohnabhängigen maßgeblich für die Entwicklung des Kapitals sind. Dabei hat die geographische Verlagerung des Klassenantoganismus in Niedriglohnzonen nach Silver stets dieselbe Folge: Die Macht zum Widerstand geht von der einen nationalen Arbeiterklasse auf die andere über. Längerfristig international gesehen, kann von einer Verringerung der Macht der Arbeiter keine Rede sein, weil sich ihre materielle Basis beständig erneuert und erweitert.

Dies bestätigen auch neue Entwicklungen innerhalb der Warenwirtschaft: Mit der Einführung der Just-In-Time-Produktionsketten ist das Kapital anfälliger gegenüber Streiks in Zulieferbetrieben und im Transportwesen geworden. Wie Silver anhand eines Streiks aus dem Jahr 1997 bei General Motors in einem Vorort von Detroit belegt, kann ein Streik von wenigen Arbeitern verheerende Auswirkungen auf den gesamten Produktionsprozeß haben. Auch die Integration des Internets und anderer moderner Kommunikationstechnologien in den Wertschöpfungsprozeß hat das bürgerliche Wirtschaftssystem keineswegs immun gegenüber dem Arbeiterwiderstand gemacht, wie Hacker und Computerviren beweisen.

Somit hat Silver »die Dialektik herausgearbeitet, daß das Kapital dem Arbeiterwiderstand nur mit einer Vergesellschaftung der Arbeit durch Arbeitsteilung und Maschinerie begegnen kann, die früher oder später Grundlage neuer Arbeitermacht wird« (Vorwort). Durch die weltweite Arbeitsteilung und die globalen politischen Prozesse sind die Arbeiter darüber hinaus immer stärker aufeinander bezogen. Ging die Abnahme des Arbeiterinternationalismus im vorigen Jahrhundert mit der Sozialisierung der (National-)Staaten einher, so bleibt abzuwarten, ob die Zurücknahme dieser Errungenschaften zu einer Renaissance des Internationalismus oder zur Vertiefung rassistischer und fremdenfeindlicher Ideologeme führt. Fest steht, daß hier nichts feststeht, auch wenn man auf die Naturläufigkeit solcher Prozesse nicht vertrauen darf, sondern versuchen muß, diese gegebenenfalls bewußt zu nutzen oder zu konterkarieren.

(Junge Welt, 28.12.2005)