Krise und Strategie
Grundkurs Arbeiterklasse mit Beverly Silver (Teil 4): verflixte »fixes«
Von Peer Schmitt

Marx war bekanntlich der Auffassung, daß sich das Kapital vor allem durch einen »Werwolfs-Heißhunger nach Mehrarbeit« auszeichne. Neben diesem, heißt es an gleicher Stelle, sei alles andere – das Allzumenschliche: Bildung, geistige Entwicklung, Freizeit, ja selbst basale physische Reproduktion – »reiner Firlefanz« (MEW 23, S. 280).

Derselbe Marx bemerkt in den »Grundrissen …«, die Steigerung der Arbeitsproduktivität, sprich der technische Fortschritt, führe tendenziell dazu, daß »der Arbeiter neben den Produktionsprozeß tritt, statt sein Hauptagent zu sein«. An diesem Punkt würde »die Surplusarbeit der Masse« aufhören, »Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein«. Anders gesagt: Sozialismus.

Unauflösbarer Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise: Der Hunger nach immer mehr Mehrarbeit führt über den Umweg der Konkurrenz zwischen den einzelnen Werwölfen zu immer höherer Arbeitsproduktivität, die wiederum »die Arbeit in unmittelbarer Form« (Marx) letzten Endes abschafft. Grob vereinfacht, verleibt sich der Werwolf sein eigenes Ende ein. Dem Kapitalismus, so die wohlbekannte wie umstrittene Marxsche Grundthese, ist die Selbstauflösung inhärent.

Auf den ersten Blick scheint der Punkt, an dem der Arbeiter neben den Produktionsprozeß tritt, längst erreicht. Weltweit sinkt die Zahl der unmittelbar in der »materiellen Produktion« Beschäftigten, sagen die Statistiker. Von Sozialismus andererseits weltweit kaum eine Spur. Dem Kapitalismus scheint es »irgendwie« zu gelingen, sein doch so zwangsläufiges Ende immer wieder »aufzuschieben«. Im »irgendwie« liegt freilich der Haken. Die Arbeitssoziologin Beverly Silver nennt dieses »irgendwie« in »Forces of Labor« unter anderem vorsichtig voluntaristisch »Strategie«. Ihr Forschungsgegenstand ist die »Wechselwirkung zwischen Arbeiterunruhe (labor unrest) und kapitalistischen Strategien, die durch aufeinanderfolgende räumliche und technologische fixes Proifitabilität und Kontrolle sichern sollen (»Forces of Labor«, S.99).

Der an dieser Stelle wie in der gesamten Arbeit entscheidende Begriff des »fix«, den Silver vom Globalisierungstheoretiker David Harvey übernimmt, wird in »Forces of Labor« leider weder dezidiert definiert noch irgendwoher (theoretisch/historisch) abgeleitet. Silver beläßt es bei einem lässigen akademischen Verweis auf Harvey. Das Übersetzerkollektiv der deutschen Ausgabe wiederum weist auf die Unübersetzbarkeit und Vieldeutigkeit des Begriffs hin. Er könne als Synonym für aus Überakkumulation resultierendes »überschüssiges Kapital« (mehr oder weniger Harveys Definition) oder schlicht und allgemein als Problemlösungsstrategie (Silvers »Modifikation«) verstanden werden.

Silver unterscheidet (nicht immer klar) zwischen »räumlichen fixes« (Kapitalexport, »outsourcing« etc.), »technologischen fixes« (die konkrete Organisationsform der Produktion, Übergang vom Fordismus zum Postfordismus usw., an einer Stelle definiert sie den Begriff mit »Prozeßinnovation«), »Produkt-fixes« (Innovation, Verlagerungen zwischen und in bestimmten »Schlüsselindustrien« wie die Textilindustrie im 19. und die Automobilindustrie im 20. Jahrhundert, vielleicht auch neuere dubiose »Strategien« wie z. B. das »branding«) und schließlich »finanziellen fixes« (Finanzkapital, »Kasinokapitalismus« usw.). In ihrem Versuch einer historischen Periodisierung der »Strategien« des Kapitals bekommen die »fixes« schließlich auch eine zeitliche Dimension.

Allgemein ist der jeweilige »fix« die Antwort des Kapitals sowohl auf die eigene Krisenhaftigkeit wie die »Arbeiterunruhe«, sprich den forcierten Klassenkampf.

Auf die »Strategien« des Kapitals antworten die jeweiligen »Strategien« der »Arbeitermacht«, die wiederum »neue« Strategien des Kapitals hervorbringen. So entstehen »Déjà-vu-Muster« (Silver, S.101) der Klassenkämpfe. Hinter der nicht unbedingt neuen These, daß die Form der Produktion die Form des Klassenkampfes determiniert und umgekehrt (vergleiche etwa Foucaults Begriff des »Fabrik-Regimes«), versteckt sich eher eine zirkuläre Bewegung (Karl Polanyis »Pendel«) als die über zyklische Krisen stufenweise sich vollziehende Entwicklung, die Marx beschrieben hat.

Selbstverständlich steht die strukturbedingte Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Produktionsweise im heimlichen Zentrum auch von Silvers Studie. Ihre Arbeit ist nichts anderes als der Versuch, die zyklischen Krisen und die »Systemzwänge« der kapitalistischen Produktionsweise aus der Perspektive der »Arbeitermacht« nachzuvollziehen und damit eine Perspektive für eine globale Arbeiterbewegung des 21. Jahrhundert zu eröffnen. Krise und Klassenkampf bedeuten für sie vor allem ein »beständiges making und remaking der weltweiten Arbeiterklassen« (S. 214).

Doch wenn sie zusammen mit einem Aufkommen neuer führender Industrien des 21. Jahrhunderts glaubt, das »Donnergrollen einer neuen Arbeiterbewegung« vernehmen zu können, andererseits selbst eingesteht, nicht zu wissen, welcher Sektor der »führende« sein wird, verbleiben die »Forces of Labor« im »Déjà-vu« eines vagen »Problembewußtseins«, das Begriffe verwirrt, um Ratlosigkeit zu kaschieren.

(Junge Welt, 30.12.2005 )