Keynes und Reagan
Grundkurs Arbeiterklasse mit Beverly Silver (Teil 5 und Schluß): Böses Erwachen aus dem amerikanischen Traum
Von Reinhard Jellen

Das Fiasko des Laissez-faire-Liberalismus der 20er Jahre und die Niederlage des Nationalsozialismus hatten jeweils eine direkte Erweiterung der Einflußsphäre der Sowjetunion zur Folge. Nach Beverly Silver kamen die westlichen Eliten deshalb nicht umhin, eine »ernsthafte Reform« jener Elemente des Kapitalismus zu beschließen, die im Zuge der Wirtschaftskatastrophe zur Legitimationskrise des Systems geführt hatten. Internationale Einrichtungen wurden installiert oder so verändert, daß die Belange der einzelnen Volkswirtschaften nicht mehr dem ungeregelten, weltweiten Wettbewerb untergeordnet waren.

Auf Initiative der USA wurde 1944 der Pakt von Bretton Woods geschlossen. Entscheidungen über die Währungspolitik oblagen damit wieder den Nationalstaaten. Diese wurden 1947 durch das Zoll- und Handelsabkommen GATTS in ein internationales Regelwerk eingebunden, das eine aus heutiger Sicht eher moderate Liberalisierung des Weltmarkts unter der Ägide der USA nach sich zog. Grundsätzlich aber wurde nach Keynes’ Modell die politische Kompetenz zur Regulierung der Wirtschaft wieder den einzelnen Nationalstaaten übergeben. Den Gewerkschaften wurde eine aktive Rolle innerhalb der »Sozialpartnerschaft« zuerkannt: Der Staat sollte anhand seiner makroökonomischen Gestaltungsmacht über eine adäquate Wirtschaftspolitik für Vollbeschäftigung sorgen und die Wirtschaft die Lohnabhängigen über eine Koppelung der Reallöhne an die Produktionsquote an den Gewinnen beteiligen.

Den Lohnabhängigen fiel in diesem System die Rolle zu, das Wirtschaftswachstum fortwährend qua Massenkonsum zu gewährleisten, was durch Lohnerhöhungen ermöglicht wurde. Nach Silver war dies nicht nur eine ökonomische Notwendigkeit, sondern hatte prompt eine schleichende »Entpolitisierung« der Klassenkämpfe zur Folge (eine Zeitlang hatten die Gewerkschaftsführungen Probleme, ihre militante Basis zu disziplinieren).

Die ideologische Grundlage für die freiwillige Unterordnung der Arbeiterschaft der »ersten Welt« unter ein von den USA initiiertes keynesianische Wirtschaftssystem war der »amerikanische Traum«: das Versprechen, über kurz oder lang allen Gesellschaftsteilen einen Zugang zum Massenkonsum nach amerikanischem Muster zu ermöglichen, somit die Lohnabhängigen spürbar an den Konjunkturzuwächsen teilhaben zu lassen. Dieses Versprechen galt zwar weltweit, aber nicht überall im gleichen Maße: Während den Lohnabhängigen in den Metropolen eine relativ geradlinige Beteiligung am Wirtschaftswachstum angeboten wurde, galt die keynesianische Anregung der Arbeiterschaft zur wirtschaftlichen Kooporation in Ländern der »dritten Welt« nur in abgeschwächter Form: Es hieß, diese Länder müßten erst eine Reihe von Strukturanpassungsmaßnahmen zur »Industrialisierung« über sich ergehen lassen, bevor sie die Weihen des fordistischen Sozialpakts zu spüren bekämen. Entsprechend militanter war hier der Arbeiterwiderstand. Die Regierenden dieser Länder setzten weniger auf die Reformkarte, bevorzugten eher die direkte Repression.

Aber auch in den hochindustrialisierten Ländern wurde der keynesianische Klassenkompromiß Mitte der 70er Jahre allmählich aufgekündigt. Der rasante Anstieg von Produktionsniveau und Welthandel in den »Goldenen Jahren des Kapitals« führte zu einer Überakkumulation des Kapitals. Das heißt: das Produktionsniveau wuchs schneller als sich die Investitionen realisierten. Gleichzeitig nahm der Anteil des in Produktionsmitteln angelegten Kapitals im Verhältnis zum in menschliche Arbeitskraft investierten immer mehr zu, wodurch es aufgrund der tendeziell schwächelnden Kaufkraft zu Absatzkrisen kam. Anfänglich konnten diese noch kompensiert werden: von seiten des Staates durch Inflation (schleichende Entwertung der Reallöhne bei Steigerung der Nominallöhne), betriebswirtschaftlich durch erhöhten Arbeitsdruck, was aber eine erhöhte Militanz der Lohnabhängigen und mehrere Streikwellen zur Folge hatte.

Weil die Staaten gegenüber den Gewerkschaften in dieser Phase noch zögerlich agierten, verlagerte das Kapital immer größere Teile der Produktion in Niedriglohnzonen (wo der Arbeiterwiderstand dann zunahm). Außerdem flossen beträchtliche Vermögenswerte in Steueroasen und den Bereich der Spekulation: Die internationalen Bankkredite nahmen drastisch zu (von vier Prozent der Bruttoinlandprodukte aller OECD-Länder 1980 auf 44 Prozent 1991), während sich das Finanzkapital, das sich zunehmend von den realwirtschaftlichen Vorgängen entkoppelte, in den USA konzentrierte.

Die Arbeiterklasse hatte durch »eine Kombination aus räumlichen, technologisch-organisatorischen und finanziellen fixes« eine unterschwellige Schwächung erfahren. In der Folge stellten auch die Staaten das sozialpartnerschaftliche Korporationsmodell zunehmend direkt in Frage. Wie beim Keynesianismus spielten die USA eine Vorreiterrolle bei der radikalen Kehrtwende hin zu einer neoliberalen Entfesselung der Marktkräfte, deren prominentester politischer Protagonist Ronald Reagan wurde.

Die Errungenschaft der Nachkriegsjahre, in denen aus National- funktionierende Sozialstaaten werden sollten, gilt heutzutage aufgrund des erweiterten Handlungsspielraumes der »transnationalisierten Wirtschaft« immer weniger. Weil eine Wirtschaftskatastrophe vom Ausmaß jener in den 20ern damit wieder in den Bereich des Möglichen rückt, begibt sich das Kapital in die Gefahr einer grundlegenden Legitimationskrise. Eine Rückkehr in das »Goldene Zeitalter des Kapitals« aber ist nach der Analyse von Silver nicht möglich. Mit der dritten industriellen Revolution ist der Selbstwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise – zwischen der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft für den irrationalen Selbstzweck der »Verwertung des Werts« und der durch die intensivierte Konkurrenz bewirkte Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch Technologie – zu weit vorangeschritten.

(Junge Welt, 31.12.2005)