Herz und Arterien
Grundkurs Arbeiterklasse mit Beverly Silver (3): Nationale Befreiung und Klassenkampf
Von Walter Hanser

In ihrer Untersuchung zu »Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870« bringt Beverley Silver zwei politische Theorien unter einen Hut, die einander lange unversöhnlich gegenüberstanden: den marxistisch-leninistischen Klassenkampf und die Weltsystemtheorie. Während Vertreter der Imperialismus- und Dependenz-Theorie auf eine Abkoppelung sozialistischer Staaten setzten, hielten Anhänger der Weltsystemtheorie wenig von diesem Ansatz: Das sei nicht viel mehr als zugespitzter Protektionismus und Industrialismus – westliches Entwicklungs- und Fortschrittsdenken würde sich im jeweiligen nationalen Rahmen hinter dem Rücken der neuen Führer durchsetzen.

Wer auf das bestienhafte Herz des Imperialismus fixiert ist, vernachlässigt die vielen Arterien des kapitalistischen Weltmarktes – den zentralen Zusammenhang, aus dem sich auch Länder nicht befreien können, die sozialistisch heißen. Eine Vormachtstellung kann nicht allein auf imperialistischer Gewalt gründen. Deshalb muß der Blick auf dominante Produktions- und Konsumtionsstrukturen gelenkt werden.

Ausgehöhlter Begriff

Zur Beschreibung der US-Vormachtstellung nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet Beverly Silver den Hegemonie-Begriff von Gramsci. Von Imperialismus redet die Soziologin nur selten. Mutmaßlich, weil dieser Begriff sehr überfrachtet und ziemlich ausgehöhlt ist. Nur selten wird er noch auf dem Reflexionsniveau von Hobson, Hilferding, Luxemburg, Bucharin und Lenin verwendet. Viel öfter als phrasenhafter Kampfbegriff. Im Namen des Antiimperialismus wird das »Selbstbestimmungsrecht der Völker« gepredigt, auch wenn Rosa Luxemburg diese »Kannibalenparole« mit Entschiedenheit zurückgewiesen hat: »der Gedanke des Klassenkampfes kapituliert hier vor dem nationalen Gedanken«.

Zum Teil stützt das empirische Material in »Forces of Labor« diese Äußerung, zum Teil widerlegt es sie. In der Regel erstarkten die Arbeiterbewegungen der Peripherie zeitgleich mit nationalen Befreiungsbewegungen. Beides stützte sich gegenseitig. Chinas Textilarbeiterinnen konnten eine nationale Bewegung genauso für die Umsetzung eigener Ziele nutzen wie die schwarzen Automobilarbeiter in Südafrika. Umgekehrt kam die Stärke der Arbeiterklasse immer wieder nationalen Bewegungen zugute, etwa der Antiapartheidbewegung in Südafrika: »Die Arbeiterbewegung konnte der Verfolgung von Antiapartheidaktivitäten in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre besser standhalten als die politischen Gruppen und Nachbarschaftsinitiativen, mit denen sie verbunden war. COSATU (Congress of South African Trade Unions) sah sich plötzlich in die führende Rolle der Antiapartheidbewegung gedrängt und verband die Frage der nationalen Befreiung mit einer ›eindeutigen Klassenpersepktive‹.« (S. 84)

Andererseits konstatiert Beverley Silver eine besondere »Verwundbarkeit von Arbeiterbewegungen, deren Erfolge von einer Organisationsmacht abhängen, die auf klassenübergreifenden Bündnissen mit politischen Bewegungen beruht.« (S. 120) Das ist in aller Deutlichkeit gegen Lenin gesagt, der unterdrückte Völker bekanntermaßen gänzlich klassenübergreifend mit ins Boot der Revolution holen wollte und sich – wie westliche Rätekommunisten zu Recht mokierten – im Schmieden breiter Bündnisse kaum zurückhalten konnte.

Bitteres Lehrstück

Die Geschichte der anfänglichen Paarläufe von nationalen Befreiungs- und Arbeiterbewegungen ist lang. Ziemlich rasch kam bislang jedesmal das düstere Ende. In den Hochzeiten des Internationalismus waren die Rollen der Befreiungsfronten in den (post-) kolonialen Ländern nicht leicht zu durchschauen. In ihnen artikulierten sich allzu unterschiedliche Interessen: die von ländlichen und städtischen Arbeiterinnen und Arbeitern sowie und die der angehenden nationalen Eliten. Bislang haben die jakobinischen Eliten noch immer die Macht an sich gerissen und diejenigen, denen sie die Vertreibung der alten Herren verdankten, unter ihre Knute gebracht. Von den Bolschewiki über die Maoisten in China bis zur neueren antikolonialen Geschichte in Vietnam oder Algerien: Immer wurden die Ansätze der Selbstorganisation, eigenständige Bauernbewegungen oder Arbeiterräte einer »nachholenden Entwicklung« und Staatenbildung geopfert.

Ein bitteres Lehrstück ist auch die Iranische Revolution von 1979. Umstandslos wurde die starke Arbeiterbewegung von den Mullahs unterdrückt. Khomeini ließ in den Radios von Teheran verkünden: »Ich muß euch mitteilen, daß während des vergangenen diktatorischen Regimes Streiks und Sit-ins gottgefällig waren. Nun aber, da wir eine moslemische und nationale Regierung haben, schmiedet der Feind eifrig Komplotte gegen uns. Und daher verbietet die Religion organisierte Streiks und Sit-ins, denn sie sind gegen die Prinzipien des Islam.«

Antiimperialismus kann Wirklichkeit verschleiern. Wer dagegen die Arbeiterkämpfe in der globalen Perspektive der Weltsystemtheorie fixiert, ist auf der sicheren Seite. Er hat einen radikalen Beschreibungsrahmen und ist davor gefeit, in die alten Fallen nationaler Befreiungseuphorie zu tappen.

(Junge Welt, 29.12.2005 )