Hase und Igel
Grundkurs Arbeiterklasse mit Beverly Silver (Teil 1): Das schlimme Wort mit G
Von Alexander Reich

Als das Buch »Forces of Labor« im Frühjahr in deutscher Übersetzung erschien, hoffte der Chefredakteur dieser Zeitung, »es könnte die Diskussion über das Verhältnis von Kapital und Arbeit auch im deutschsprachigen Raum entschieden beleben« (jW vom 2. Mai). Eine Hoffnung, die man als Vorsatz nehmen sollte – in den letzten Tagen des Jahres sei das mit einer fünfteiligen Reihe von Leseeindrücken unterstrichen.
Eine ähnliche Serie erschien in diesem Feuilleton bereits, als »Empire« von Toni Negri und Michael Hardt eine Weile lang auf Deutsch vorlag. Lyrik für Gefühlslinke, war damals der Tenor. Im Vorwort der vom Wildcat-Kollektiv besorgten »Forces of Labor«-Übersetzung wird nun versichert, die Autorin Beverly Silver sei weit entfernt vom »leichtfertigen Triumphalismus«, mit dem Negri/Hardt ihre revolutionären Subjekte »aus dem Hut zauberten«. Tatsächlich kommt »Forces of Labor« alles andere als leichtfertig daher, nämlich als eine nüchterne Auswertung eigens erhobener Daten. Viel mehr will das Buch nicht sein. Deshalb ist es nicht weniger.

Beverly Silver, Soziologieprofessorin in Baltimore/USA, hat keine Dichtung verfaßt und nicht Erbsen zählen lassen, sondern Arbeiterunruhen – vorgeblich alle, weltweit, seit 1870. Neben den geläufigen Formen des Widerstands der Arbeiter »gegen die Behandlung als Ware« wurden auch Bummelstreiks, fingierte Unfälle u. ä. in die Zählung aufgenommen. Jeder »bewußt und kollektiv praktizierte« Widerstand wurde bei entsprechender Heftigkeit berücksichtigt. Silver hat diese Daten dann ins Verhältnis zu politischen und technologischen Entwicklungen gesetzt. Herausgekommen ist ein Grundkurs in Sachen »Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870« – der Untertitel des Buches.

Das schon recht abgenutzte Schlagwort Globalisierung taucht im hiesigen Tagesgeschäft vor allem auf, wenn Produktionsstandorte in Gegenden verlegt werden, in denen Arbeitskraft billiger zu haben ist. Da sei mächtig Dampf auf dem Standortkonkurrenzkessel, heißt es dann immer wieder, letztens war es die AEG. Selbst VW-Werke werden hierzulande seit Jahren nicht modernisiert. Die besseren stehen mittlerweile in Polen. Es kann einem die Muffe gehen, wenn man in Wolfsburg nach Haustarif 28,8 Stunden die Woche für 2 605 Euro ausgebeutet wird, und weiß: Für eine vergleichbare Beschäftigung erhält ein Arbeiter in Poznan 617 Euro. Dort gilt die 40-Stunden-Woche. Auch weil 90 Prozent im Werk von Poznan Abitur haben, ist die Produktivität durchaus nicht niedriger (Daten von 2004).

Diese betriebwirtschaftliche Logik des Umverteilungsprozesses ist für viele bestechend. Und es muß auf der Höhe der Tatsachen überlegt werden, wie die – hiesige – Arbeiterklasse wieder in die Offensive kommt. Die Lektüre von »Forces of Labor« kann dabei helfen. Das Buch wirft gute Fragen auf: Warum gibt es, seit alle von Globalisierung reden, weltweit keinerlei Angleichung der Lebensverhältnisse? Silver führt entsprechende Angaben der Weltbank an: Das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt der ersten Welt war 2000 zirka 22mal so hoch wie das der sogenannten dritten. 1960 auch. 1980 war die Verteilung nur ein wenig ungerechter. Mehrmals betont die Autorin, daß der Grundwiderspruch grundsätzlich mit um den Globus zieht: Jedesmal, wenn die Arbeiterklasse im Norden durch die Verlagerung der Produktion geschwächt wurde, erstarkte sie nachweisbar im Süden. Warum aber zeitigten die dortigen Arbeitskämpfe – die oft gewaltsamer geführt wurden – bislang keine Erfolge, die denen in der ersten Welt vergleichbar wären?

Silvers Antworten auf solche Fragen sollen im Rahmen der Serie erörtert werden – anregend, nicht umfassend. Schon die Begründung der konstanten Einkommensunterschiede zwischen Norden und Süden lohnte ein Buch. Einige Kapitel könnten auf »Forces of Labor« basieren. Eines würde erklären, daß mit der Entwicklung von Schlüsseltechnologien in der ersten Welt Monopole entstehen, deren Entwicklungsvorsprung äußerst gefährdet ist, was dem Arbeiterwiderstand zum Erfolg verhilft. Wenn die entsprechenden Produktionsstätten erst mal gen Süden gezogen sind, ist ihre Mobilität bewiesen. Außerdem sind die Monopole nicht mehr, was sie waren. Deshalb haben die Arbeiter hier schlechtere Karten. Wie weit sie es dennoch oder deshalb bringen können, zeigen die neuesten Entwicklungen in Lateinamerika.

Eine »Avantgarde des Arbeiterinternationalismus« aber könnte angesichts der aktuellen Machtverteilung noch immer im Norden am meisten erreichen, sagt Silver. Die Umsetzung dieser Forderung scheint ziemlich fern. Gründe für Pessimismus finden sich fast an allen Front. Er tobt halt überall, der Klassenkampf. Die fordistische Massenproduktion bot so zum Beispiel noch recht günstige Voraussetzungen für die Organisierung der Arbeiter. In den Fabrikkomplexen konnten Interessensgruppen zusammengeschweißt werden, die mehr Erfolge erzielten, als man gemeinhin wahrhaben will (auch weil die Früchte der Bewegung, etwa das allgemeine Wahlrecht, sich als wurmstichig erwiesen haben). Im Gegenzug setzt das Kapital seit längerem weltweit auf die Zersetzung dieser Milieus. Mehrschichtige Subunternehmersysteme werden etabliert, Zeitarbeitsfirmen schießen wie Pilze aus dem Boden. Es entstehen flexible Netzwerke äußerst brüchiger Arbeitsbeziehungen. Große Teile der desorganisierten Arbeiterklasse, an dieser Stelle zitiert Silver eine Untersuchung von Richard Hyman, neigen heute folgerichtig eher »zu einer Politik der Ressentiments« als zu den »traditionellen Gewerkschaften der Arbeiterklasse oder linker Politik«.

Andererseits ist die dezentralisierte Produktion erheblich störanfälliger für Streiks in Zulieferbetrieben, wie morgen in Folge zwei dieser Serie ausgeführt wird. Und am Ende läuft immer noch alles auf wachsende Einsichten in die Notwendigkeit einer Solidarität hinaus, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Einstweilen wäre die große Mehrheit der Proletarier unten durch, wenn man die Meßlatte der politischen Korrektheit anlegte. Silver historisiert diese Tatsache mit einem Zitat von Giovanni Arranghi, mit dem sie ein bedeutendes Buch verfaßt hat: »Patriarchalismus, Rassismus und nationaler Chauvinismus waren wesentliche Momente in der Herausbildung der weltweiten Arbeiterbewegung.« Aber das muß so ja nicht bleiben. Ganz sicher wächst das politische Bewußtsein für den weltpolitisch wirksamen Klassenantagonismus mit seiner Verschärfung. Vielleicht streiken Fluglotsen eher als erwartet für Putzfrauen, Deutsche für Koreaner. Warum das Not täte, liegt schließlich mehr und mehr auf der Hand: Wären die Menschen, die zum Überleben ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, weltweit solidarisch, wäre es mit der Globalisierung wie bei Hase und Igel. Die zahlenmäßig haushoch überlegenen Igel müßten nur mal verbindliche Absprachen treffen, um sagen zu können »Wir sind schon hier« – und die Hasen kaputtzuhetzen.

(Junge Welt, 27.12.2005)