VI. Klagen Hiob Rothschilds, des Kapitaliste

KAPITAL, mein Gott und mein Gebieter, warum hast du mich verlassen? Was habe ich verbrochen, dass du mich von den Höhe des Besitzes hinabstürzest und mich erdrückst unter der Last der Armut?
Habe ich nicht gelebt nach deinem Gebot? Waren meine Handlungen nicht recht und gesetzlich?
Kannst du mir vorwerfen, dass ich je gearbeitet? Habe ich nicht alle Genüsse gekostet, welche meine Millionen und meine Sinne mir erlaubten? Habe ich nicht Männer, Frauen und Kinder Tag und Nacht bis zur Erschöpfung und darüber hinaus in meine Dienst gespannt? Habe ich ihnen je mehr als einen Hungerlohn gegeben? Hat mich die Not und die Verzweiflung meiner Arbeiter je gerührt?
KAPITAL, mein Gott, ich habe die Waren, die ich verkaufte, verfälscht, ohne mich darum zu kümmern, ob ich die Konsumenten vergifte. Bis auf die Haut habe ich die Gimpel gerupft, die auf den Leim meiner Prospekte gegangen.
Ich habe nur gelebt, um zu genießen und mich zu bereichern, und du hast meine tadellose Aufführung, mein des Lobes wertes Leben gesegnet, indem du mir gewährtest Frauen und Kinder, Hunde und Knechte, die Freuden des Leibes und die Freuden der Eitelkeit.
Und jetzt habe ich alles verloren und ich bin ein Ausgestoßener geworden.
Meine Konkurrenten freuen sich über meinen Ruin und meine Freunde wenden sich von mir ab; sie verweigern mir sogar Vorwürfe und unnütze Ratschläge, sie kennen mich nicht mehr. Meine Mätressen bespritzen mich auf der Straße mit den Karossen, die ich ihnen mit meinem Geld gekauft.
Das Elend legt sich um mich, gleich den Mauern eines Gefängnisses trennt es mich von der übrigen Menschheit. Ich bin allein und alles in mir und außer mir ist trübe.
Meine Frau, die kein Geld mehr hat, um sich zu schminken und ihr Gesicht zu verkleiden, erscheint von mir in ihrer ganzen Häßlichkeit. Mein Sohn, erzogen zum Nichtstun, begreift nicht einmal die Tragweite meines Unglücks – Idiot, der er ist! Die Augen meiner Töchter fließen wie zwei Bäche an der Erinnerung an die versäumten Heiratspartien.
Aber was sind die Leiden der meinigen gegen mein Unglück? Da, wo ich als Herr befohlen, jagt man mich fort, wenn ich mich als Untergebener anbiete!
Alles ist Kot und Stank für mich in meiner Hohle. Mein von der Härte meines Lagers zerschundener und von Wanzen und schmutzige Insekten zerbissener und zerstochener Körper findet keine Ruhe mehr, meine Seele kostet nicht mehr den Schlaf, der Vergessenheit bringt.
Oh, wie sind die Elenden glücklich, die von jeher nur Armut und Schmutz gekannt! Sie wissen nicht, was zart und lieblich ist, ihre dicke Haut und ihre abgestumpften Sinne empfinden keinen Ekel.
Warum mich das Glück kosten lassen, um mir nichts zu lassen als die Erinnerung, blinkender denn eine Spielschuld?
Besser wäre es gewesen, mich in Elend geboren werden zu lassen als mich zu verdammen, darin zu verkommen, nachdem du mich im Reichtum erzogen.
Was kann ich tun, um mein armselige Brot zu erwerben?
Meine Hände, die nur Ringe getragen und mit Banknoten zu tun gehabt haben, können keinerlei Werkzeug hantieren. Mein Hirn, welches sich nur damit beschäftigte, die Arbeit zu fliehen, von den Ermüdungen des Reichtums auszuruhen, die Langeweile des Nichtstuns loszuwerden und über den Ekel der Übersättigung hinwegzukommen, ist nicht fähig zu der Aufmerksamkeit, die erforderlich ist, Briefe abzuschreiben und Zahlen zu addieren.
Ist es denn möglich, Herr, dass du einen Menschen so erbarmungslos schlägst, der nie auch nur einem deiner Gebote ungehorsam war?
Oh, es ist schlecht, es ist ungerecht, es ist unmoralisch, dass ich die Güter verliere, welche die Arbeit anderer so mühsam für mich angehäuft hatte.
Wenn die Kapitalisten, meine ehemaligen Genossen, mein Unglück sehen, so werden sie erfahren, dass deine Gnade Laune ist, daß du sie gewährst ohne Vorliebe, und sie zurücknimmst ohne Ursache.
Wer wird dann noch an dich glauben wollen?
Welcher Kapitalist wird verwegen, sinnlos genug sein, dein Gesetz anzunehmen, sich im Nichtstun, im Prassen und Schlemmern zu verweichlichen, wenn die Zukunft so unsicher, so bedrohlich ist? Wenn der leiseste Wind, der an der Börse weht, die bestangelegten Vermögen fortbläst? Wenn nichts Bestand bat? Wenn der Reiche von heute der Bettler von morgen sein kann?
Die Menschen werden dir fluchen, Gott-Kapital, wenn sie meine Erniedrigung betrachten, sie werden deine Macht leugnen, wenn sie die Tiefe meines Sturzes ermessen, sie werden deine Gunst zurückweisen.
Um deines Ruhmes willen setze mich wieder in meine verlorene Position ein. Erhebe mich aus meiner Versunkenheit, denn mein Herz füllt sich mit Galle, und Flüche drängen sich auf meinen Lippen!
Wilder Gott, blinder Gott, stupider Gott! Hüte dich, dass die Reichen nicht endlich ihre Augen öffnen und bemerken, daß sie sorglos und unbewusst am Rande eines Abgrundes wandern! Zittre, daß sie dich nicht hineinwerfen, um ihn zu füllen, daß sie sich nicht mit den Kommunisten verbinden, um dich zu stürzen.
Doch welche Gotteslästerung stoße ich aus?
Mächtiger Gott, vergib mir diese törichten und verbrecherischen Worte. Du bist der Meister, der die Güter austeilt, ohne nach dem Verdienst zu fragen, und sie nach deinem Gefallen zurücknimmst. Du weißt, was du tust.
Du zerschmetterst mich in meinem Interesse, zu meinem Wohle prüfst du mich.
Oh, holder und liebenswürdiger Gott, schenke mir deine Gunst wieder! Du bist die Gerechtigkeit, und wenn du mich schlägst, so habe ich unbewusst irgendeinen Fehl begangen.
Oh Herr, wenn du mir meinen Reichtum wiedergäbest, so gelobe ich, deine Gesetze noch strenger zu befolgen. Ich werde die Lohnarbeiter mehr und mehr ausbeuten, die Konsumenten noch listiger betrügen, die Aktionäre noch vollständiger rupfen.
Ich krieche vor dir wie der Hund vor dem Herrn, der ihn prügelt. Ich bin deine Sache: dein Wille geschehe!

-------- Wortgetreue Abschrift bescheinigt Paul Lafargue.