V. Die Gebete des Kapitalisten

1. Das Gebet des Herrn

Unser Vater KAPITAL, der du bist von dieser Welt, allmächtiger Gott, der du den Lauf der Flüsse veränderst und Berge durchstichst, der du Erdteile voneinander trennst und Nationen zusammenkettest, Schöpfer der Waren und Quelle des Lebens, der du Königen und Untertanen, Arbeitern und Unternehmern befiehlst, dein Reich werde errichtet auf Erden.
Gib uns Käufer in Menge, die unsere Waren abnehmen, die guten wie die schlechten. Gib uns notleidende Arbeiter, die ohne Murren die härteste Arbeit und den niedrigsten Lohn annehmen. Gib uns Gimpel, die auf den Leim unserer Prospekte gehen.
Gib, dass unsere Schuldner ihre Schulden völlig an uns abzahlen. *
Führe uns nicht in das Zuchthaus, sondern befreie uns von dem Bankrott und verleihe uns ewige Renten. Amen!
2. Glaubensbekenntnis
Ich glaube an das KAPITAL, den Beherrscher der Körper und der Geister .
Ich glaube an den PROFIT, seinen eingeborenen Sohn, und an den KREDIT, den heiligen Geist, der von ihm ausgeht und in ihm angebetet wird.
Ich glaube an GOLD und SILBER, die, geschmolzen im Tiegel und zerhackt in der Münze, geschlagen im Prägstock, als klingende Münze zur Welt gekommen, aber, nachdem sie auf Erden gewandelt und zu schwer befunden wurden, hinabgefahren in die Keller der Bank, um als PAPIERGELD wieder aufzuerstehen.
Ich glaube an die RENTE, an die fünfprozentige, an die vierprozentige und an die dreiprozentige, sowie an die Notierungen des Kurszettels.
Ich glaube an das System der STAATSSCHULDEN, welches das KAPITAL versichert gegen das Risiko im Handel, Industrie und Geldgeschäften. Ich glaube an das PRIVATEIGENTUM, die Frucht der Arbeit anderer, sowie an seine Dauer bis ans Ende aller Zeiten.
Ich glaube an die Notwendigkeit der NOT, Lieferantin von Lohnsklaven und der Mutter der Mehrarbeit.
Ich glaube an die Ewigkeit des LOHNSYSTEMS, das den Arbeiter befreit von allen Sorgen des Besitzes.
Ich glaube an die Verlängerung des ARBEITSTAGES und die HERABSETZUNG der LÖHNE, sowie an die Verfälschung der Produkte.
Ich glaube an das geheiligte Dogma: BILLIG KAUFEN UND TEUER VERKAUFEN, und somit an die Grundsätze unserer allerheiligsten Kirche, der RECHTGLÄUBIGEN NATIONALÖKONOMIE. Amen!
3. Der englische Gruß (Ave Miseria)
Gegrüßet seist du, NOT, du bist voller Gnaden. Du erdrückst und bändigst den Arbeiter, du marterst seine Eingeweide durch unablässigen Hunger und verdammst ihn, sein Leben und seine Freiheit für ein Stück Brot zu verkaufen. Du brichst den Geist der Empörung und weihst den Proletarier, sein Weib und seine Kinder der Zwangsarbeit in den kapitalistischen Zuchthäusern. Heil dir, gebenedeite unter den Weibern!
Heilige Jungfrau, die du gezeugt hast den kapitalistischen Profit, sei gesegnet. Göttliche, die du marterst die erniedrigte Klasse der Lohnarbeiter, liebevolle und begnadete Mutter der Mehrarbeit, Erzeugerin der Renten, wach über uns und unsere Kinder. Amen!
4. Anbetung des Goldes
GOLD, wunderbare Ware,die du in dir trägst alle übrigen Waren.
GOLD, erstgeborene Ware, die du alle anderen Waren zu sich bekehrt,
GOTT, der alles zu wägen und zu messen weiß; GOLD, du vollkommenste, idealste Verkörperung des Gottes KAPITAL;
du, das edelste, großartigste Element in der Natur, du, das weder Wurm, noch Schimmel, noch Rost kennt;
GOLD, unabänderliche Ware, flammende Blume, glänzender Strahl, leuchtende Sonne, du stets jungfräuliches Metall, das du, den Eingeweiden der Erde, der ehrwürdigen Mutter aller Dinge, entrissen, dich abwendest, dich in den Geldschränken der Wucherer und in den Kellern der Bank vergräbst, und aus dem Versteck, da du aufgeschlichtet ruhst, deine Kraft auf gemeines, elendes Papier überträgst, auf dass es sie verdopple und verzehnfache; GOLD, träges Metall, das die Welt bewegt, vor deiner glänzenden Majestät beugen sich die lebenden Jahrhunderte und beten dich demütig an;verleihe deine göttliche Gnade den Getreuen, die dich anrufen, und die, um dich zu besitzen, Ehre und Tugend, die Achtung der Männer und die Liebe des Weibes ihrer Seele und der Kinder ihres Blutes preisgeben und vor der Verachtung ihrer selbst nicht zurückschrecken!
GOLD, allerhöchster, unüberwindlicher Gebieter, du ewig Siegreicher, vernimm unser Gebet!
Erbauer der Städte und Zerstörer der Reiche, Polarstem der Moral, der du die Gewissen trägst, der du den Nationen Gesetze vorschreibst und Könige und Kaiser unter dein Joch beugst, vernimm unser Gebet!
Du, der du die Gelehrten die Wissenschaft fälschen lehrst, der du die Mutter überredest, die Jungfräulichkeit ihres Kindes zu verkaufen, und den freien Mann zwingst, die Sklaverei der Fabrik auf sich zu nehmen, vernimm unser Gebet!
Du, der du die Entscheidungen der Richter und die Abstimmungen der Deputierten kaufst, vernimm unser Gebet!
Du, der du Blumen und Früchte hervorrrufst, welche die Natur nicht kennt, der du Laster und Tugenden verbreitest, der du die Künste und den Luxus ins Leben rufst, vernimm unser Gebet!
Du, der du die unnützen Tage des Müßgiggänger verlängerst und die Jahre des Arbeiters verkürzt, vernimm unser Gebet!
Du, der du den Kapitalisten in seiner Wiege zulächelst und den Proletarier schon im Schoß seiner Mutter mißhandelst. vernimm unser Gebet!
GOLD, unermüdlicher Wanderer, der du an Schurkereien und Gaunerkniffen Gefallen hast, erhöre uns. Dolmetscher aller Sprachen, gewandtester aller Kuppler, unwiderstehlicher Verführer, Eichmaß für Menschen und Dinge, erhöre uns. Bote des Friedens, Begünstiger der Zwietracht, der du Muße und Überarbeit verurteilst, Beistand der Tugend und der Korruption, erhöre uns.
GOLD, verflucht und angerufen in unzähligen Gebeten, verehrt von den Kapitalisten und geliebt von den Kurtisanen, erhöre uns.
Befreier von Gutem und von Übeln, Unglück und Glück der Menschen, Heiler der Kranken und Balsam für die Schmerzen, erhöre uns!
Du, der die Welt verzaubert und die menschliche Vernunft verwirrt, du, der die Häßlichkeit schön macht und Ungeschicklichkeit schmückt,
All-Friedensstifter, der die Schande und die Ehrlosigkeit achtenswert macht und den Diebstahl und die Prostitution zu Ehren bringst, erhöre uns!
Du, der die Feigheit mit dem Ruhm beladet, welcher der Tapferkeit gebührt, der der Häßlichkeit die Huldigungen zuwendet, welche der Schönheit gebührt, der der Hinfälligkeit die Liebe verschafft, die der Jugend gebührt, boshafter Zauberer, erhöre uns!
Dämon, der den Mord anstiftet und den Wahnsinn entfacht, erhöre uns! Fackel, die die Wege des Lebens erleuchtet, Führer und Beschützer und Heil der Kapitalisten, erhöre uns!