IV. Der Hohepriester oder Andachtsbüchlein des Unternehmers

Dieses Buch hat in den Händen mehrerer Kapitalisten zirkuliert und ist von ihnen mit Noten versehen worden. Hier einige derselben:

„Es ist anzunehmen, daß diese Vorschriften der göttlichen Weisheit von dem plumpen Begriffsvermögen der Lohnarbeiter falsch ausgelegt werden. Ich meine daher, daß man sie in Volapük oder irgendeine andere heilige Sprache übersetzen sollte“. gez.: Chagot [im Original: Jules Simon]
„Man sollte sich die jüdischen Schriftgelehrten zum Muster nehmen, die den Laien die Lektüre des Hohepriesters Salomonis untersagten, und das Andachtsbüchlein des Unternehmers nur Eingeweihten mitteilen, die mindestens eine Million Mark besitzen“, gez.: Bleichröder
„Eine Million Mark scheint mir zu lumpig. Schlage eine Million Dollars vor“. gez.Jay Gould .
1. Die Natur des Gott-Kapitals
1. Denke nach über die Worte des KAPITALS, deines Gottes.
2. Ich bin der menschenfressende Gott, ich setze mich in den Fabriken zu Tisch und verspeise die Arbeiter. Ich verwandle ihre Substanz in göttliches KAPITAL. Ich bin das unendliche Rätsel: meine Substanz ist ewig und doch nur vergängliches Fleisch, meine Allmacht ist nichts als die Schwäche der Menschen. Die träge Kraft des KAPITALS ist die Lebenskraft des Arbeiters.
3.Ich bin die unermeßliche Seele der zivilisierten Welt; mein Körper ist unendlich vielfach und mannigfaltig. Ich lebe und webe in jedem, was da gekauft und verkauft wird. Ich wirke in jeder Ware, keine hat außerhalb meiner lebendigen Einheit eine eigene Existenz.
4. Ich glänze im Gold und stinke im Mist, ich gare im Wein und bin Gift im Vitriol. Ich lebe in allem.
5. Der Mensch sieht, fühlt, riecht und schmeckt meinen Körper, aber mein Geist ist feiner als Äther und unbegreiflich für die Sinne. Mein Geist ist K r e d i t. Es bedarf keines Körpers, um sich zu offenbaren.
6. Ich belebe und verwandle alle Dinge. Ein geschickterer Chemiker als Berzelius und Gerhardt, verwandle ich weite Fluren, schweres Metall und brüllender Herden in Aktien von Papier. Und leichter als Knallgasbläschen, wenn der elektrische Draht sie treibt, tanzen und hüpfen an der Börse, meinem geheiligten Tempel, von Hand zu Hand Kanäle und Hochöfen, Fabriken und Bergwerke.
7. In den Ländern, wo die Bank herrscht, geschieht nichts ohne mich. Ich befruchte die Arbeit, ich presse die unwiderstehlichsten Kräfte der Natur in den Sklavendienst des Menschen und stelle ihm als mächtigen Hebel die Summe der erworbenen Wissenschaften zur Verfügung.
8. Ich umgarne die menschliche Gesellschaft mit dem goldenen Netz des Handels und der Industrie.
9. Der Mensch, so er kein KAPITAL hat, wandelt nackt durch das Leben, umgeben von wilden Feinden, die ausgerüstet sind mit allen Waffen der Marterung und des Todes.
10. Wenn er stark ist wie ein Stier, wird man die Last seiner Schultern vermehren, wenn er fleißig ist wie eine Ameise, wird man das Arbeitspensum verdoppeln, wenn er genügsam ist wie ein Esel, wird man seine Ration kürzen.
11. Was sind Wissenschaften, Arbeit und Tugend ohne KAPITAL? Eitelkeit und Jammer.
12. Denn ohne die Gnade des KAPITALS leitet die Wissenschaft den Menschen abseits in die Pfade des Wahnsinns, stürzen ihn Arbeit und Tugend in den Abgrund des Elends.
13. Weder Wissenschaft noch Tugend, noch Arbeit befriedigen den Geist des Menschen. Ich bin es, der die hungrige Meute seiner Gelüste und seiner Leidenschaften befriedigt.
14. Ich gebe mich hin und entziehe meine Gegenwart nach Wohlgefallen, ich lege keinerlei Rechenschaft ab. Ich bin der ALLMÄCHTIGE, der über die Dinge herrscht, so da belebt sind, und über die, so da unbelebt sind.
2. Der Auserwählte des KAPITALS
l. Der Mensch, dieser verdorbene Haufen Erde, kommt nackt zur Welt, um, gleich einer Gliederpuppe in einen Kasten eingeschachtelt, unter der Erde zu faulen, und seine Asche düngt das Gras des Feldes.
2. Und so ist es dieser Sack voller Stank, den ich auserkoren habe, mich zu vertreten. Mich, das KAPITAL, mich, das mächtigste Wesen unter der Sonne.
3. Ich erwähle meinen Erkorenen weder um seiner Intelligenz, noch um seiner Schönheit, noch um seiner Jugend willen, sondern weil es mir gerade gefällt.
4. Seine Dummheit, seine Laster, seine Häßlichkeit und sein Alter sind Beweise für meine unberechenbare Macht.
5. Die Menschen finden die Albernheit des Kapitalisten geistreich, sie versichern ihm, daß sein Genie der Wissenschaft der Pedanten nicht bedarf. Die Dichter bitten ihn, sie zu inspirieren, die Künstler warten auf seinen Knien auf seine Kritik, die Frauen schwören ihm, er sei ihr Ideal, die Philosophen deuten seine Laster zu Tugenden, und die Ökonomen entdecken, daß sein Nichtstun allein es ist, das alles in Bewegung setzt.
Weil ICH ihn zu meinem Auserwählten gemacht, erblicken sie alle im Kapitalisten die Verkörperung der Tugend, der Schönheit, des Genies.
6. Eine Herde von Lohnarbeitern arbeitet für den Auserwählten, während er ißt, trinkt, schäkert und schläft.
7. Der Kapitalist arbeitet weder mit der Hand noch mit dem Kopf.
8. Er hat Arbeitsvieh – Männer und Weiber – um das Land zu beackern, das Eisen zu schmieden, Stoffe zu weben; er hat Direktoren und Vormänner, um es zu regieren, er hat Gelehrte, um zu denken. Der Kapitalist weiht sich der Arbeit für die Latrine. Er ißt und trinkt, um Dung zu produzieren.
9. Ich überhäufe den Auserwählten mit beständigem Wohlbefinden. Denn was gibt es Bessere und Reelleres auf der Erde, als zu essen, zu trinken, zu schäkern und sich zu ergötzen? Der Rest ist nichts als Eitelkeit und Jammer.
10. Ich lindere die Leiden aller Art, damit die Erde schön und angenehm für die Auserwählten sei.
11. Das Gesicht hat sein Organ, der Geruch, das Gefühl, der Geschmack, das Gehör, die Liebe haben auch ihre Organe. Ich versage dem Auserwählten nichts, was sein Auge, sein Mund sowie seine anderen Organe begehren.
12. Die Tugend hat ein doppeltes Antlitz: die Tugend des Kapitalisten heißt Genießen, die Tugend des Arbeiters heißt Entbehren.
13. Der Kapitalist nimmt auf Erden, was ihm gefällt, er ist der Herr. Wenn er der Frauen übersatt ist, läßt er seine Sinne durch halbreife Kinder reizen.
14. Der Kapitalist ist das Gesetz. Der Gesetzgeber verfertigt Gesetze nach seinem Bedürfnis, die Philosophen passen die Moral seinen Sitten an . All sein Tun ist gerecht und gut. Jede Handlung, die seine Interessen verletzt, ist Verbrechen und wird bestraft.
15. Ich behalte den Auserwählten ein Glück vor, das den Lohnarbeitern unbekannt bleibt. Profit zu machen ist die erhabenste Freude. Wenn der Auserwählte Profit einstreicht, so verliert er seine Mutter, seine Frau, seine Kinder, seinen Hund und seine Ehre und bewahrt sich seinen Gleichmut. Keinen Profit machen ist dagegen das nicht wieder gutzumachende Unglück, für das der Kapitalist keinen Trost kennt.
3. Die Pflichten des Kapitalisten
1.Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Mit jedem Tage vermindere ich die Zahl meiner Auserwählten.
2. Ich gebe mich den Kapitalisten hin, ich verteile mich unter sie. Jeder Auserwählte erhält nur einen Teil des einzigen KAPITALS, aber er behält es nur, wenn er es vermehrt, wenn er es Profite tragen macht. Das KAPITAL zieht sich zurück von dem, der seine Gesetze nicht erfüllt.
3. Ich habe den Kapitalisten dazu auserwählt, daß er Mehrwert herausschlage – seine Mission ist es, Profit anzuhäufen.
4. Um frei und ungebunden sich dieser Jagd nach dem Profit hingeben zu können, entledigt sich der Kapitalist aller Freundschaftsbande. Wo es einen Gewinn einzustreichen gibt, kennt er weder Freund noch Bruder, noch Frau, noch Mutter, noch Kinder.
5. Es erhebt sich über jene nichtigen Abgrenzungen, welche der Haufen der Sterblichen ein Vaterland, in eine Partei einpferchen. Bevor er Preuße oder Franzose, Russe oder Pole, Engländer oder Irländer ist, ist der Kapitalist Ausbeuter. Er ist nur nebenbei Monarchist oder Republikaner, konservativ oder radikal. Das Gold hat eine Farbe, aber der Kapitalist bat dem Golde gegenüber keine Gesinnung.
6. Der Kapitalist streicht mit demselben Gleichmut das mit Tränen besetzte, das mit Blut befleckte, das mit Kot beschmutzte Geld ein.
7. Er bringt dem gemeinen Vorurteil kein Opfer. Er ist nicht Fabrikant, um gute Ware zu liefern, sondern um Waren zu fabrizieren, die fette Verdienste bringen. Er gründet nicht Aktiengesellschaften, um Dividenden an die Aktionäre zu verteilen, sondern um ihre Kapitalien an sich zu bringen, auf die sie kein Recht haben. Denn der kleine Kapitalist ist verdammt, zu verschwinden, verschlungen zu werden vom großen Kapitalisten. Das ist das Gesetz des KAPITALS.
8. Wenn ich einen Menschen zur Würde des Kapitalisten erhebe, so übertrage ich auf ihnen einen Teil meiner Allmacht über Menschen und Dinge.
9. Der Kapitalist sagt: Die Gesellschaft, das bin ich, die Moral, das ist mein Interesse.
10. Wenn ein einziger Kapitalist an seinen Interessen verletzt wird, so leidet die ganze Gesellschaft. Denn die Unmöglichkeit, das KAPITAL zu vermehren, ist das größte aller Übel – das Übel, für das es keine Entschädigung gibt.
11. Der Kapitalist läßt produzieren, aber er produziert nicht. Jede körperliche oder geistige Beschäftigung ist ihm untersagt. Sie würde ihn von seinem heiligen Berufe, Profite anzuhäufen, ablenken.
12. Der Kapitalist wird nicht zum metaphysischen Eichhörnchen, das sein Rad dreht und nur Wind mahlt.
13. Er kümmert sich nur wenig darum, ob die Himmel Gottes Ruhm verkünden; er stellt keine Untersuchungen darüber an, ob die Grille mit ihrem Hintern oder mit Ihren Hügeln zirpt, der ob die Ameise ein Kapitalist ist.
14. Er kümmert sich weder um den Anfang noch um das Ende der Dinge, aber er läßt sie Profit eintragen.
15. Er läßt die von der Seuche der offiziellen Ökonomie Befallenen über Monometallismus und Bimetallismus deklamieren, aber er sackt ohne Unterschied alle Goldfüchse und Silberlinge ein, deren er habhaft werden kann.
17. Er erlaubt den Gelehrten, die dazu gerade gut genug sind, den Naturerscheinungen auf den Grund zu gehen, und den Erfindern, auf die Anwendung der Naturkräfte in der Industrie zu sinnen. Aber er ermächtigt sich schleunigst ihrer Erfindungen, sobald sie ausbeutungsfähig sind.
18. Er quält sein Hirn nicht ab mit der Untersuchung, ob das Schöne und das Gute ein und dasselbe seien, aber er leistet sich Trüffeln, die so gut zu essen sind, und häßlicher aussehen als der Abgang der Schweine.
19. Er klatscht Beifall den Reden über die „ewigen Wahrheiten“, aber er verdient Geld mit Fälschungen, wie sie der Tag mit sich bringt.
20. Er spekuliert nicht über das Wesen der Tugend, des Gewissens und der Liebe, sondern über ihren Kauf und Verkauf.
21. Er untersucht nicht, ob die Freiheit an sich ein Gut ist; er nimmt sich alle Freiheiten und läßt dem Arbeiter nur den Namen derselben.
22. Er streitet nicht darüber, ob Recht vor Macht geht, denn er weiß, daß er alle Rechte hat, weil er das KAPITAL hat.
23. Er ist weder für noch gegen das allgemeine Wahlrecht, weder für noch gegen das beschränkte Wahlrecht; er kauft die Wähler des beschränkten Wahlrechtes und streut den Wählern des allgemeinen Wahlrechtes Sand in die Augen. Im Ganzen ist er mehr für das allgemeine Wahlrecht, weil es billiger ist. Denn wo er beim beschränkten Wahlrecht die Wähler und den Gewählten kaufen müßte, braucht er beim allgemeinen Wahlrecht nur den Gewählten zu kaufen.
24. Er mischt sich nicht in das Geschwätz über Freihandel und Schutzzoll ein; er ist abwechselnd Freihändler und Schutzzöllner, wie es gerade das Geschäft für ihn mit sich bringt .
25. Er hat kein Prinzip, nicht einmal das, kein Prinzip zu haben.
26. Der Kapitalist ist in meiner Hand eine eherne Rute, um die ungelehrige Herde der Lohnarbeiter zu lenken.
27. Der Kapitalist erstickt in seinem Herzen jedes menschliche Gefühl, er kennt kein Erbarmen. Er behandelt seine Mitmenschen härter als sein Lastvieh. Männer, Frauen und Kinder sind für ihn nur Piofiterzeugungsmaschinen. Er umgürtet sein Herz mit Eisen, auf daß seine Augen die Leiden der Arbeiter betrachten, seine Ohren ihren Wut- und Schmerzensschrei vernehmen können, ohne daß es ihn rührt.
28. Wie eine hydraulische Presse langsam sich senkt und die zu bearbeitende Fruchtmasse bis zur vollkommensten Austrocknung zusammendrückt, sie auf das kleinste Gewicht reduziert, so preßt und windet der Kapitalist den Arbeiter, bis er die Arbeit, welche den Muskeln desselben innewohnt, aus ihm herausgezogen hat.
29. Der Kapitalist, der den Arbeiter schont, verrät mich und sich selbst.
30. Der Kapitalist macht Männer, Frauen und Kinder zu Handelsartikeln, damit derjenige, der weder Talg, noch Wolle, noch irgendeine andere Ware besitzt, wenigstens seine Muskelkraft, seine Fähigkeit, sein Wissen verkaufen kann. Um sich in KAPITAL zu verwandeln, muß der Mensch vorher Ware werden.
31. Ich bin das KAPITAL, der Herr des Weltalls, der Kapitalist ist mein Vertreter. Vor ihm sind alle Menschen gleich, ohne Unterschied sind sie meiner Ausbeutung unterworfen. Der Tagelöhner, der seine Muskelkraft verdingt, der Ingenieur, der sein technisches Wissen ausbietet, der Kassierer, der seine Ehrlichkeit verkauft, der Volksvertreter, der seine Stimme verschachert, das Freudenmädchen, das seinen Körper preisgibt, sie alle sind für den Kapitalisten Ausbeutungsobjekte.
32. Er nötigt den Arbeiter, sich mit grober und verfälschter Nahrung zum Wiederersatz seiner Arbeitskraft zu behelfen, auf daß er sie billig verkaufen kann.
33. Er zwingt den Arbeiter, sich zu eigen zu machen die Askese des Einsiedlers, die Geduld des Esels, die Ausdauer des Ochsen bei der Arbeit.
34. Der Arbeiter gehört dem Kapitalisten, er ist sein Gut, seine Sache. In der Werkstatt, wo sich niemand darum zu scheren hat, wann die Sonne aufgeht und wann die Nacht beginnt, läßt er den Arbeiter durch hundert wachsame Augen beobachten. Denn weder mit einer Bewegung noch mit einem Wort darf derselbe seine Arbeit unterbrechen.
35. Die Zeit des Arbeiters ist Geld, jede Minute, die er verloren gehen lässt, ist ein Diebstahl, den er begeht.
36. Der Druck des Kapitalisten folgt dem Arbeiter wie ein Schatten bis in die Hütte. Denn der Arbeiter darf weder seinen Geist noch seinen Körper durch Belustigungen überanstrengen. Der Lohnarbeiter soll von der Werkstatt in seine Behausung gehen, sofort essen und sich niederlegen, auf dass er am folgenden Tage seinem Herren einen frischen und anspannungsfähigen Körper mitbringe.
4. Grundlehren der göttlichen Weisheit
l. Der Matrose wird vom Sturm überfallen, der Bergmann lebt zwischen Grubenfeuer und Erdsturz, den Fabrikarbeiter gefährdet das Räderwerk der Maschinen; überall drohen dem Lohnsklaven, der arbeitet, Tod und Verstümmelung. Der Kapitalist, der nicht arbeitet, ist vor jeder Gefahr geschützt.
2. Die Arbeit rackert ab und tötet, aber bereichert nicht. Man erwirbt nicht Vermögen dadurch, daß man selbst arbeitet, sondern dadurch, daß man andere arbeiten läßt.
3. Das Eigentum ist die Frucht der Arbeit und die Belohnung des Müßigganges.
4. Man presst nicht Wein aus einem Kiesel, noch Profit aus einem Leichnam; nur Lebende sind zur Ausbeutung zu gebrauchen. Der Henker, der einen Verbrecher abtut, betrügt den Kapitalisten um sein Ausbeutungsobjekt.
5. Das Geld und sein Ertrag haben keinen Geruch.
6. Durch seine Menge gleicht das Geld jede Schandtat aus.
7. Das Geld ist die Tugend des Besitzenden.
8. Wohltun trägt keine Zinsen.
9. Es ist mehr wert, wenn du dir beim Schlafengehen sagen kannst, ich habe ein gutes Geschäft gemacht, als: ich habe eine gute Tat begangen.
10. Der Kapitalist, der seine Arbeiter 14 von 24 Stunden arbeiten lässt, hat seinen Tag nicht verloren.
11. Schone weder den guten noch den schlechten Arbeiter, denn das gute wie das schlechte Pferd bedarf der Sporen.
12. Der Baum, der keine Früchte trägt, wird ausgerissen und verbrannt; der Arbeiter, der keinen Profit bringt, muß zum Hungern verurteilt werden.
13. Dem Arbeiter, der sich empört, gib Blei zu fressen.
14. Das Blatt des Maulbeerbaumes braucht mehr Zeit, um Seide zu werden, als die Arbeitskraft, um sich in KAPITAL zu verwandeln.
15. Im Großen stehlen und im Kleinen zurückgeben, heißt Philanthropie.
16. Die Lohnarbeiter an seiner Bereicherung mitarbeiten lassen, heißt Kooperation.
17. Den Löwenanteil von den Früchten der Arbeit nehmen, heißt Teilhaberschaft.
18. Der Kapitalist ist der Anhänger der Freiheit. Er gibt kein Almosen, denn das Almosen raubt dem Arbeitslosen die Freiheit, Hungers zu sterben.
19. Die Menschen sind Maschinen zum Produzieren und Konsumieren. Der Kapitalist kauft die einen und verkauft ihre Produkte an die anderen.
20. Der Kapitalist hat in seinem Mund zwei Zungen, eine, deren er sich beim Kaufen, eine andere, deren er sich beim Verkaufen bedient.
21. Alle Welt bestehlen, heißt niemanden bestehlen.
22. Ehre und Zartgefühl sind Gift beim Geschäft.
23. Mißtraue dem unehrlichen Menschen, aber vertraue dich nicht dem ehrlichen an.
24. Die Geldstücke sind mit dem Bild des Regenten oder der Republik ausgeprägt, weil sie wie die Vögel unter dem Himmel nur dem gehören, der sie wegfängt.
25. Die Fünfmarkstücke werden immer wieder aufgehoben, auch wenn sie in den Dreck fallen.
26. Du mühst dich ab um viele Dinge, du schaffst dir viele Sorgen, du möchtest ehrlich sein, du geizest nach Wissen, du buhlst um Stellen und Ehren. Und all dies ist doch nur Eitelkeit und Jammer, eines nur tut not: KAPITAL und wiederum KAPITAL.
27. Die Jugend verblüht und die Schönheit verwelkt, nur das Geld altert nicht, noch bekommt es Runzeln.
28. Das Gold ist die Seele des Kapitalisten, die Triebfeder seiner Handlungen.
29. Wahrlich, ich sage euch, es ist mehr Ruhm, eine mit Gold und Banknoten gefüllte Brieftasche zu sein, als ein Mensch, so reich beladen mit Talenten und Tugenden wie ein Esel, der zum Markt trabt.
30. Genie, Geist, Schamhaftigkeit, Ehrlichkeit und Schönheit existieren nur dadurch, dass sie einen Marktwert haben.
31. Tugend und Arbeit sind nur nützlich und einträglich, so sie der andere übt. Es gibt nichts besseres für den Kapitalisten, als essen, trinken und der Venus frönen. Nichts bleibt ihm so sicher, wenn das Ende seiner Tage gekommen, als das, was er buchstäblich genossen.
32. So lange der Kapitalist unter den Menschen weilt, die die Sonne erwärmt und bescheint, soll er genießen und der Freude leben. Denn man ist nur einmal jung, und niemand kann dem schlimmen und häßlichen Alter entgehen, das den Menschen beim Kopf erfaßt und ihm dem Tode zuführt.
33. In dem Grabe, wohin du gehst, wirst du nur Würmer finden.
34. Außer einem vollen Bauch, der fröhlich verdaut, und kräftigen, befriedigten Sinnen ist nichts als Eitelkeit und Jammer.

5. Ultima Verba*
1. Ich bin das KAPITAL, der König der Welt.
2. Ich schreite einher, begleitet von der Lüge, dem Neid, dem Geiz, dem Betrug und dem Mord. Ich trage den Krieg in die Städte und in die Familien. Wo ich vorüberziehe, säe ich Wut, Verzweiflung, Trostlosigkeit.
3. Ich bin der unerbittliche Gott. Ich fühle mich wohl inmitten der Zwietracht und der Leiden. Ich martere die Lohnarbeiter und schone nicht meiner Auserwählten, der Kapitalisten.
4. Der Lohnarbeiter vermag sich mir nicht zu entziehen. Und wenn er, vor mir her fliehend wie das gehetzte Wild, die Berge überschreitet, so findet er mich jenseits der Berge wieder, und wenn er, um sich vor mir zu retten, den Ozean durchmißt, so warte ich seiner an dem Ufer, da er landet. Der Lohnarbeiter ist mein Gefangener und die Erde ist mein Gefängnis.
5. Ich mäste die Kapitalisten mit einem schwerfälligen und stupiden Wohlstand. Meine Auserwählten sind physische und geistige Eunuchen. Ihre Nachkommenschaft geht zugrund in Blödsinn und Impotenz.
6. Ich überschütte die Kapitalisten mit allem, was wünschenswert ist, aber ich nehme ihnen jeden Wunsch. Ich belaste ihre Tafeln mit den appetitlichsten Genüssen, aber sie haben den Appetit verloren; ich schmücke ihre Betten mit schönen und jungen Frauen, aber die Liebkosungen derselben vermögen nicht ihre entkräfteten Sinne wiederzuerwecken. Alles in der Welt ist ihnen ekel, schal und unersprießlich – sie vergähnen ihre Leben. Sie sehen sich nach dem Nichts, und doch fürchten sie sich vor dem Tod.
7. Je nachdem es mir Vergnügen macht, und ohne dass es der Vernunft des Menschen gelingt, meine Gründe zu ermitteln, schlage ich auf meine Auserwählten los. Ich schleudere sie hinab in die Hölle der Lohnsklaverei.
8. Die Kapitalisten sind meine Werkzeuge, ich bediene mich ihrer wie einer tausendsträhnigen Peitsche, um die stupide Herde der Lohnarbeiter zu geiseln.
9. Ich bin der Gott, der die Welten bewegt und den Verstand der Menschen verwirrt.
10. Der Dichter des Altertums hat die Ära des Kapitalismus vorhergesagt. Er sprach: „Jetzt sind die Übel noch gemischt mit Gutem; aber eines Tages wird es weder Familienbande noch Gerechtigkeit noch Tugend mehr geben. Hades und Nemesis werden zum Himmel emporsteigen und das Übel wird ohne Heilmittel sein“ *. Die verkündete Zeit ist gekommen: gleich den gefräßigen Ungeheuern der Meere und den Raubtieren der Wälder verschlingen die Menschen einander ohne Erbannen.
11. Ich lache über die Weisheit der Menschen. Arbeite, und die Not wird fernbleiben; arbeite, und deine Speicher werden gefüllt sein mit Lebensmitteln, – lehrte die alte Weisheit. Ich aber sage:
Arbeite, und Mangel und Elend werden dein treuer Begleiter sein; arbeite, und du wirst dein letztes Wirtschaftsstück ins Leihamt tragen.
13. Ich bin der Gott, der die Staaten umwälzt. Ich beuge die Großen unter mein Gleichmachungsjoch, ich breche die anmaßenden Individualitäten, ich bilde die Menschen für die Gleichheit vor. Ich schaffe die Form für die kommende kommunistische Gesellschaft.
14. Die Menschen haben Brahma, Jehova, Jesus und Allah aus dem Himmel verjagt, ich sterbe durch Selbstmord.
14. Wenn der Kommunismus Gesetz sein wird, wird die Herrschaft des KAPITALS, des Gottes, der die Generationen der Vergangenheit und Gegenwart verkörpert, zu Ende sein.
Das KAPITAL wird nicht mehr die Welt regieren, es wird der Sklave des Arbeiters sein, den es hasst. Der Mensch wird nicht mehr vor dem Werk seiner Hände und seines Geistes knien, er wird sich auf die Füße stellen und aufrecht stehend die Natur als souveränen Herrscher betrachten.
15. Das Kapital wird der letzte Gott gewesen sein.

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