III. Die Predigt der Kurtisane

(Das Manuskript ist nur unvollständig in meinen Besitz gelangt, die ersten beiden Blätter fehlen. In der Form einer Einleitung sollen sie eine Anrufung des GOTTES KAPITAL enthalten, der diejenigen erhöht, die da verachtet werden. Da ich es mir zum Grundsatz gemacht habe, nur als bloßer Kopist zu fungieren, so unterlasse ich jeden Versuch einer Vervollständigung.
Randnoten lassen vermuten, daß der Verfasser der Predigt, der päpstliche Legat, zur Mitarbeiterschaft des Prinzen von Wales, zwei weltbekannte Industrielle, die Herren Bonnet und Herzog jun.(i. O.: Pouyer-Quertier), sowie die berühmte Cora Pearl hinzuzogen, diese gefeierte Kurtisane, die sich rühmt, die ganze kosmopolitische Genußwelt von Paris in ihrem Bett gesehen zu haben.)

…Die Menschen, die in der Finsternis des Daseins herumtappen und nur das flimmernde Licht der blöden Vernunft als Leitstern nehmen, spotten und schimpfen über die Hure. Sie stellen sie an den moralischen Pranger, sie schlagen ihr ihre eigenen Paradetugenden um die Obren, sie stacheln zu Hass und Entrüstung gegen sie auf. Sie ist die Sklavin des Bösen und die Krone der Verruchtheit, der Mahlstein der Vertierungsmühle. Sie demoralisiert die blühende Jugend, sie entehrt die weißen Haare des Alters, sie entführt der Gattin den Gatten und saugt aus seinen verhexten und unersättlich gierigen Lippen das Glück, die Ehre und den Wohlstand seiner Familie.

Oh meine Schwestern! Brutale Wut und niedriger Neid haben mit bitterer Galle das Bild der Hure besudelt, trotzdem der letzte der falschen Götter, Jesus von Nazareth, eine Maria Magdalena der Schmach der Menschen entrissen und in sein Paradies versetzt hat, neben die Heiligen und Seligen.

Vor der Ankunft des wahren Gottes, vor der Ankunft des Kapitals haben die Religionen, die sich die Erde streitig machten und die Götter, die nacheinander die Köpfe der Menschen bewohnten, befohlen, die Ehefrauen im Gynaeceum einzuschließen und nur der Hetäre zu erlauben, von den Früchten des Baumes der Wissenschaft und Freiheit zu essen. Die große babylonische Göttin Mylitta-Anaitis, die „geschickte Zauberin“, die „verführerische Prostituierte“, befahl ihrem getreuen Volk, sie durch Prostitution zu ehren. Als Buddha nach Vesali kam, kehrte er bei der ersten Hure des Ortes ein, vor der sich die Behörden in ihren Feiertagsgewändem aufstellten. Der finstere Gott Jehova beherbergte Huren in seinem Tempel. (1)

Die Menschen der ersten Gesellschaften, die der Glaube erleuchtete, versetzten die Hure unter die Götter; sie stellte die Kraft der ewigen Natur dar, die da erschafft und zerstört.

Die Kirchenväter des Katholizismus, der die Menschheit in ihrer Kindheit jahrhundertelang mit seinen Märchen unterhielt, suchten die göttliche Eingebung in der heiligen Gesellschaft von Huren. Wenn der unfehlbare Papst seine Priester und Bischöfe zu einem Konzil zusammenberief, um über ein Glaubensdogma zu beraten, so strömten, geleitet von der Hand Gottes, die Huren aus allen Ländern der Christenheit herbei; sie brachten in ihren Röcken den heiligen Geist, sie erleuchten den Verstand der Schriftgelehrten. Der Gott des Christentums legte die Macht, Päpste, seine Statthalter auf Erden, ein- und abzusetzen, in die Hände der Theodora, der kaiserlichen Kurtisane.
Das KAPITAL unser Herr, weist der Kurtisane einen noch höheren Platz an. Nicht hinfällige und stupide Päpste sind es mehr, denen sie kommandiert, sondern Tausende junger und kräftiger Arbeiter, Meister aller Wissenschaften und Schöpfer aller Erzeugnisse der menschlichen Kunst: sie weben, sticken, nahen, sie bearbeiten das Holz, das Silber, das Gold, sie schleifen Diamanten, sie suchen auf dem Meeresgrund Korallen und Perlen, sie ziehen im Winter die Blumen des Frühjahrs und die Früchte des Herbstes; sie erbauen Paläste, schmücken ihre Wände, bemalen Leinwand, erfinden Romane und Dramen, Opern und Ballette, spielen und tanzen, um die Wünsche der Kurtisane zu befriedigen. Nie hatte Kleopatra, nie hatte Semiramis ein so zahlreiches Heer von Arbeitern aller Berufe, aller Kunstzweige zur Erfüllung ihrer Launen zur Verfügung. Die vornehme Hure ist die Königin der Zivilisation, und sie wird so lange über der Menschheit thronen, als das KAPITAL der souveräne Herrscher über Menschen und Dinge ist.

Die Kurtisane ist die Zierde der kapitalistischen Gesellschaft. Sie höre auf, die Gesellschaft zu schmücken und das bißchen Freude auf dieser gelangweilten und betrübten Welt schwindet dahin; Edelsteine und kostbare, bestickte Stoffe werden nutzlos wie Kinderspielzeug; der Luxus und die Künste, diese Kinder der Liebe und der Schönheit werden fad; die Hälfte der menschlichen Arbeit verliert ihren Wert. Aber solange man kauft und verkauft, solange das Kapital das Bewußtsein beherrscht und die Laster und Tugenden belohnt, solange wird die Ware Liebe die kostbarste sein und die Erwählten des Kapitals tränken ihr Herz an dem eisigen Becher der bemalten Lippen der Kurtisane.

Wenn die beschränkte Vernunft die Menschen nicht verdummt hätte, wenn der wahre Glaube die Tore ihres Verstandes geöffnet hätte, so würden sie einsehen, dass in den Händen Gottes die Hure ein Faktor ist, der die Völker aufrüttelt und die Gesellschaft umgestaltet.

Im Mittelalter, damals als das KAPITAL, unser Herr, noch dem Kinde gleich, das in der Mutter Schoß sich regt, erst in den Tiefen des Wirtschaftslebens geheimnisvoll zu keimen begann, als kein Mund seine Geburt verkündete, als die Menschen noch keine blasse Ahnung hatten von dem Nahen des wahren Gottes, damals begann trotzdem das KAPITAL bereits die Handlungen der Menschen zu leiten. Es hauchte in den Geist der Christen Europas den wilden Taumel ein, der sie in Heeren, enger geschart als Ameisentrupps, auf die Straßen nach Asien trieb. Zu jener Zeit waren die Führer der Menschen plumpe Feudalherren, die in ihren Rüstungen lebten wie Hummer in ihrer Schale, die sich von grobem Fleisch und schweren Getränken ernährten, kein anderes Vergnügen schätzten als Lanzenstechen, keinen anderen Luxus kannten als das wohlgehärtete Schwert. Unser Gott mußte sich auf das Niveau der bleiernen Intelligenz dieser Viehnaturen herablassen, um sie in Bewegung zu setzen. Er pflanzte ihnen die Idee ein, das Kreuz zu nehmen, nach Palästina zu ziehen und die Steine eines Grabes zu befreien, das nie existiert hatte. Aber der himmlische Plan Gottes war, sie zu den Füßen der Kurtisanen des Orients zu führen, sie in Luxus und Wohlstand zu berauschen, in ihren Herzen die göttliche Leidenschaft, die Liebe zum Gold zu nähren.
Als sie in ihre düsteren Behausungen zurückkehrten, die Sinne noch verwirrt vom Glanz der Feste, von den Wohlgerüchen Arabiens und den Küssen der glatten Huren, da bekamen sie einen Ekel vor ihren linkischen und behaarten Weibern, die nur spinnen und Kinder gebären konnten, sie erröten über ihr Barbarentum, sie erbauten die Städte des Mittelmeeres, sie riefen die könglichen und herrschaftlichen Höfe ins Leben, und bereiteten so die Ankunft des GOTT-KAPITALS vor.

Ich sage es euch aufrichtig, die Kurtisane ist unserem Gott teurer als dem Finanzmann das Geld des Aktionärs. Sie ist seine heißgeliebte Tochter, von allen Frauen diejenige, die am gelehrigsten seinem Willen gehorcht. Die Kurtisane handelt mit dem, was man weder wägen noch messen kann, mit der immateriellen Sache, der die geheiligten Regeln des Tausches nicht ankönnen; sie verkauft die Liebe, wie der Krämer seinen Talg verschließt, wie der Dichter Verse losschlägt. Aber indem sie die Liebe verkauft, verkauft die Kurtisane sich selbst, gibt ihrer Persönlichkeit einen wirtschaftlichen, einen Marktwert. Der Körper der Kurtisane nimmt damit an den Eigenschaften unsere Gottes teil; er wird ein Stück Gott, er wird KAPITAL. Die Hure ist die Menschwerdung Gottes.

Ihr seid einfältiger als die Kälber auf der Weide, ihr Dichter und Romanciers, die ihr die Kurtisane herunterreißt, weil sie ihren Körper nur gegen Bezahlung hingibt. Die ihr sie mit Schmutz bewerft, weil sie ihre Reize in schwerem Geld taxiert. Ihr wollt wohl, daß sie das Göttliche, was ihr Körper birgt, profaniert, daß sie es so gemein macht wie Steine am Weg? Oh ihr Moralisten, ihr Brutanstalten für alle Laster, ihr scheltet sie Verbrecherin, weil sie das blinkende Gold dem liebesglühenden Herzen vorzieht! Stumpfsinnige Philosophen, die ihr seid, ihr haltet die Kurtisane wohl für einen Sperber, der sich mit zuckendem Fleisch vollstopft? Glaubt ihr in eurem reizenden Geiz etwa, daß die Hure weniger begehrenswert ist, weil sie gekauft werden muß? Muß man nicht auch das Brot kaufen, das unser Leben enthält, den Wein, der uns die Sorgen vergessen macht? Kauft man nicht auch das Gewissen der Volksvertreter, die Kenntnisse des Ingenieurs, die Ehrlichkeit des Kassiers?

Aber die Kurtisane, die die Gnade Gottes, des KAPITALS, zu verdienen sucht, verstopft sich die Ohren bei euren Reden, die noch weniger angehört werden, als das Geschrei der Gänse, wenn sie gerupft werden; sie umgibt ihre Seele mit einer eisigen Hülle, die das Feuer keiner Liebe schmelzen kann.

Denn wehe, dreimal wehe der Kameliendame, die sich hingibt und nicht verkauft! Gott wendet sein Antlitz von ihr ab. Wenn ihr Herz ergriffen wird, wenn ihre Sinne dem Käufer von Liebe sprechen, so findet der, der auf den Geliebten des Herzens folgt, nur noch einen erschöpften, verbrauchten Körper.

Gott Kapital verflucht jene Dirnen, die sich für einige Mark, für einige Nickel dem Arbeiter und dem Soldaten verkaufen! Gott, furchtbarer als die Pest, martert dieses Viehzeug des Vergnügens der Armen, vergiftet den Körper dieser Fledermäuse der Venus, liefert sie den Louis der Gosse aus, die sie schlagen und ausplündern, er unterstellt sie wie das angefaulte Fleisch auf dem Markt der Polizeikontrolle.

Die Kurtisane muss sich mit anziehender Kälte wappnen. An dem Marmor ihres Körpers, der nichts von Leidenschaft fühlt, muß der Käufer seine brennenden Lippen erschöpfen, ohne dessen Frische zu beeinträchtigen. Nicht das Feuer ihrer Hände und die Glut ihrer Umarmungen, sondern die fiebernde Hitze des eigenen Blutes muß ihn berauschen. Während er in ihren Armen seinen Körper zugrunde richtet, denkt ihre freie Seele an das Geld, das sie zu erlangen hat. Die Hure betrügt den, der sie kauft; sie nötigt ihn, das Vergnügen mit Gold aufzuwiegen, das er selbst mitbringt. Und weil sie ihre Liebesware fälscht, segnet sie unser Gott, denn die Fälschung gilt ihm als religiöse Tugend.

Frauen, die ihr mich anhört, ich habe euch das mystische Geheimnis der rätselhaften Kälte der Kurtisane enthüllt! -
So ladet die marmorne Kurtisane die gesamte Klasse der Auserwählten des KAPITALS zum Gastmahl an ihrem Körper ein und spricht zu ihnen. Esset und trinket, dies ist mein Leib, dies ist mein Blut!

Sie ist meine Erzieherin, welche Gott den Söhnen seiner Auserwählten sendet. Sie unterrichtet sie in dem gelehrten Raffinement des Luxus und der Wollust.

Sie ist die Trösterin, die Gott seinen Auserwählten zuerteilt. Bei ihr vergessen sie die legitimen Frauen, die so langweilig sind wie ein Landregen im Herbst.

Die treue Gattin und gute Hausfrau, welche von den Männern von Welt ebenso eifrig gepriesen, wie allein zu Hause gelassen wird, isoliert den Mann von seinesgleichen und entwickelt in ihm die Eifersucht, diese antisoziale Eigenschaft, sie macht ihn zum Gefangenen des häuslichen Herdes, des Familienegoismus. Viel schöner ist dagegen die Rolle der Kurtisane: Wenn das Geld die Menschen trennt, so führt sie sie wieder zusammen. Leute, deren Interessen sich feindlich gegenüberstehen, fraternisieren in ihrem Boudoir; ein geheimer, unerklärlicher, aber tiefer und unwiderruflicher Pakt bindet sie, sie haben von ein und derselben Hure gegessen und getrunken, sie haben vom selben Altar das Abendmahl genossen.

Mit mehr Kraft als die Gärstoffe den jungen Wein zum Gären, treibt die Kurtisane den Reichtum in einen schwindelnden Wirbel. Sie reißt die festgelegtesten Vermögen in den lustigen Tanz der Millionen; in ihren kalten und nachlässigen Fingern zerfließen Bergwerke, Fabriken, Banken, Staatspapiere, Weinberge, Getreideländereien und Wälder wie Schnee in der Sonne, und strömen in die tausend Kanäle des Handels und der Industrie. Ein dichter Schwärm von Dienern, von Händler und Wucherern umlagert sie, gleich Würmern, die das Aas anzieht; sie haben unergründliche Taschen, um den Goldregen aufzufangen, der sich ergießt, wenn sie ihr Kleid aufschürzt. Ein Muster von Selbstlosigkeit, ruiniert die Kurtisane ihre Liebhaber zugunsten von Dienern und Lieferanten, die sie wiederum betrügen, und unter ihnen sucht sich Gott KAPITAL mit Vorliebe seine Auserwählten.

Die Künstler und Gewerbsleute würden im Fett ihrer Mittelmäßigkeit ersticken, wenn die Kurtisane sie nicht zwänge, ihr Gehirn anzustrengen und immer neue Genüsse, immer neue, nie zuvor gekannte Nichtigkeiten zu ersinnen. Denn in ihrem Durst nach dem Ideal hat die Kurtisane das, was sie besitzt, nur, um einen Ekel davor zu bekommen, kostet sie ein Vergnügen nur, um seiner überdrüssig zu werden.

Die arbeitssparende Maschine würde die arbeitenden Klassen zum Müßiggang, diesem Urheber aller Laster, verurteilen, aber die Kurtisane erhebt die Verschwendung zur Höhe einer sozialen Tugend und steigert ihren Luxus und ihre Ansprüche in dem Maße, wie die gewerbliche Technik fortschreitet, auf dass es den Verdammten des Proletariats nicht an Arbeit, dieser Mutter aller Tugenden, mangle.

Die Kurtisane, welche mehr Vermögen verschlingt und mehr Produkte zerstört, als eine Armee im Felde, ist dem Gott KAPITAL am liebsten; die Fabrik- und Handelsherren beten sie an,sie ist der Schutzgeist, der Handel und Gewerbe belebt und kräftigt.

Höher und reiner als die falschen Religionen der Vergangenheit, verzichtet die Religion des KAPITALS darauf die Gleichheit der Menschen zu verkünden – eine Minderheit, eine verschwindende Minderheit nur ist berufen, sich der Gunst des KAPITALS zu erfreuen. Nicht mehr macht, wie in Urzeiten, der Phallus die Menschen gleich. Nur für seine Auserwählten bewahrt Gott solche kostbaren und feinen Gaben von Natur und Kunst, wie die höhere Kurtisane.

Die Hure, die Gott für die Reichen und Mächtigen aufzieht, bildet und pflegt, lebt herrlich und in Freuden. Respektable und respektierte Männer des Adels und der Bourgeoisie betteln um die Ehre, diejenige zur Frau in der Gesellschaft machen zu dürfen, die bis dahin Frau der Gesellschaft war – sie schließt die Serie ihrer tollen Hochzeiten mit einer Vemunftheirat. Im Frühling ihrer Jahre legen ihr die Reichen ihre Herzen, die sie verachten, und ihre Schätze, die sie verschleudert, zu Füßen; Künstler und Literaten scharwenzeln um sie herum und schmeicheln ihr in der servilsten und plattesten Weise. Wenn sie im Herbst ihres Lebens, träge und fett geworden, das Geschäft schließt und „ein Haus macht“, so widmen ihr ernste Männer und sittsame Frauen ihre Pflege und Aufmerksamkeit, um das Glück zu ehren, das ihre geschlechtliche Arbeit belohnte.

Gott überhäuft die Kurtisane mit seinem Segen. Hat sie die Natur nicht mit Schönheit und Geist gesegnet, so stattet er sie mit Schick, der Pikanterie, mit Rasse aus – Dinge, welche die erhabene Seele seiner Auserwählten bis zur Raserei hinreißen.

Gott schützt sie vor den Schwächen ihres Geschlechtes. Die Rabenmutter Natur verurteilt die Frau zu harten Arbeit der Fortpflanzung der Art, aber die Schmerzen der mütterlichen Wehen suchen nur die Geliebten, die Gattinnen heim. Der Hure erspart Gott die mißgestaltende Schwangerschaft und die Qual des Gebärens, er verleiht ihr die so beneidete Gabe der Unfruchtbarkeit. Die Gattin, die Geliebte sind es, welche gezwungen sind, zur heiligen Maria zu beten und das heiße Gebet der Ehebrecherin an sie zurichten: „O heilige Jungfrau, die du empfangen hast, ohne zu sündigen, gib, daß ich sündige, ohne zu empfangen“. Die Hure gehört dem dritten Geschlecht an – sie überläßt der gemeinsamen Frau das schmutzige und lästige Geschäft, die Menschheit fortzupflanzen. (2)

Bis jetzt rekrutieren sich die Kurtisanen der zivilisierten Welt gewöhnlich aus den ärmeren Kreisen – aber ist es nicht eine Schande, ist es nicht wahrhaft herzbrechend, sehen zu müssen, wie diejenigen, die einen so hohen Platz in der Gesellschaft einnehmen, aus dem Straßenkot gelesen werden?

Oh meine Zuhörerinnen, die ihr den höheren Klassen angehört, erinnert euch, wie einst der Adel Ludwig dem Fünfzehnten Vorwürfe darüber machte, daß er seine Beischläferinnen aus dem Bürgerstand nahm! Reklamiert als eines eurer köstlichsten Privilegien das Recht, den Auscrwählten des KAPITALS Kurtisanen zu stellen! Schon beginnt eine immer größere Zahl von euch, sich über die tristen Pflichten der Gattin hinwegzusetzen und sich gleich Kurtisanen zu verkaufen, aber sie tun es noch heimlich, heucheln noch dabei. Schüttelt das Joch der altmodischen, idiotenhaften Vorurteile, das höchstens für Sklavinnen paßt, von euch ab, werft es zu Boden, tretet es mit Füßen. GOTT-KAPITAL hat der Welt eine neue Moral gegeben, er hat das Dogma der menschlichen Freiheit proklamiert. Und wie erlangt man die Freiheit? Dadurch, daß man das Recht erobert, sie zu verkaufen! Befreit euch von dem Ehejoch, indem ihr euch verkauft!

In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es keine ehrenvollere Aufgabe als die der Kurtisane! Blickt um euch, betrachtet die Arbeit der Näherin, der Stickerin, der Spinnerin usw. und vergleicht mit derselben die der Kurtisane. Nach ihrem langen, eintönigen Arbeitstag seht ihr die Arbeiterin, blaß und abgerackert, einen dürftigen Lohn in der mageren Hand, der gerade hinreicht, sie am Verhungern zu hindern. Die Hure hingegen erhebt sich frisch und munter, wie ein junger Gott, von ihrem Bett oder Kanapee, schüttelt ihr parfümiertes Lockenhaar und zählt nachlässig ihre Goldfüchse und Banknoten. Ihr breitgestirnten Philosophen, die ihr nur die alte, abgelebte Moral wiederzukäuen wißt, sagt doch, welche Arbeit ist unserem Gott angenehmer, die der Arbeiterin oder die der Hure? Das KAPITAL beweist seine Achtung vor einer Sache durch den Preis, um den es ihr gestattet, sich zu verkaufen. Nun, ihr scheinheiligen Moralpriestcr, welche Arbeit der Hand oder des Kopfes wild so hoch bezahlt, wie die des Geschlechtes? Sind das Wissen des Gelehrten, der Mut des Soldaten, der Geist des Schriftstellers, die Geschicklichkeit des Arbeiters je annähernd so hoch bezahlt worden als die Umarmungen einer Cora Pearl? Die Arbeit der Kurtisane ist eine geheiligte Arbeit, die Gott höher belohnt als jede andere.

Teuerste Schwestern, hört mich an, Gott spricht aus meinem Munde: Wenn ihr so gottverlassen seid, die erdrückende, Geist und Körper abrackernde Arbeit der Fabriksklavin nicht zu verabscheuen, das vegetierende Dasein der in der Familie zu klösterlicher Haft und zur schmutzigen Sparsamkeit verdammten Hausfrau zu ersehnen, als Einsiedlerin am häuslichen Herd zu sitzen, wahrend der Mann eure Mitgift zur Hure schleppt, so prostituiert euch nicht!

Wenn ihr aber auf euer Glück sinnt, so prostituiert euch!

Wenn ihr zuviel Adel der Seele in euch fühlt, um die erniedrigende Arbeit der Arbeiterin und das verdummende Dasein der Hausfrau auf euch zu nehmen, so prostituiert euch! Wenn ihr die Königin der Feste und Freuden der Zivilisation sein wollt, so prostituiert euch!

Das ist die Gnade, die ich euch wünsche. Amen!

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(1) Der Legat des Papstes spielt hier zweifelsohne auf den Satz im Buch der Könige an: „Und er, Josia, zerstörte die Häuser der Sodomiter, die dem Hause des Herrn waren, darinnen die Huren Zelte wirkten.“ (2. Buch der Könige, Kap. 23, Vers 7) Im Tempel der Mylitta hatten Babylons Prostituierte ähnliche Quartiere.

(2) Die Verfasser der Predigt zeigen sich hier von einem Gedankengang August Comtes durchdrungen. Der Stifter des Positivismus prophezeite die Bildung einer höheren Frauenrasse, die von der Schwangerschaft und Zeugung befreit sein würde. Die Kurtisane verwirklicht das Ideal des berühmten Bourgeoisphilosophen.