II. Katechismus des Arbeiters

Frage: Wie heißt Du?

Antwort: Lohnarbeiter.

Fr.: Wer sind Deine Eltern?

A.: Mein Vater war Lohnarbeiter, mein Großvater auch, und mein Urgroßvater ebenso. Aber meine Vorväter waren Leibeigene und Sklaven. Meine Mutter heißt Armut.

Fr.: Wo bist Du geboren?

A.: In der Mansarde unter dem Dachstuhl eines Hauses, das mein Vater und seine Kameraden gebaut.

Fr.: Was ist Deine Religion?

A.: Die Religion des KAPITALS.

Fr.: Welche Pflichten legt Dir Deine Religion auf?

A.: Zwei hauptsächlich: die Pflicht der Entsagung und die Pflicht der Arbeit. Meine Religion gebietet mir, meinen Rechten zu entsagen auf Eigentum an der Erde, unserer gemeinsamen Mutter, an den Reichtümern ihres Inneren, an den Ertrag auf ihrer Oberfläche, an ihrer wunderbaren Befruchtung durch Sonnenlicht und -wärme; sie gebietet mir, meinen Rechten zu entsagen auf das Eigentum an dem Produkt meiner Hände und meines Gehirns. Meine Religion gebietet mir, von Kindheit an bis zu meinem Tod zu arbeiten – beim Sonnenlicht und beim Licht des Gases oder bei Elektrizität, Tag und Nacht; zu arbeiten auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, immerdar und überall.

Fr.: Legt Dir Deine Religion noch andere Pflichten auf?

A.: In Entbehrungen zu leben. Meinen Hunger nur zu Hälfte zu stillen, alle meine fleischlichen Bedürfnisse einzuschränken und alle meine geistigen Bestrebungen zu unterdrücken.

Fr.: Verbietet Dir Deine Religion gewisse Nahrung?

A.: Sie verbietet mir Wildbret, Geflügel, Rindfleisch erster, zweiter oder dritter Qualität zu berühren, Lachs, Hummer oder feine Fischsorten zu kosten, sie verbietet mir, Naturweine zu trinken oder Branntwein aus Wein gebrannt, sowie Milch, wie sie von der Kuh kommt.

Fr.: Was für Nahrung erlaubt sie Dir?

A.: Brot, Kartoffel, Bohnen, Hering, Kuh- und Pferdefleisch, Fleischerei-Abfälle und ordinäre Wurstware. Damit ich meine erschöpften Kräfte schnell wieder hebe, erlaubt sie mir gefälschten Wein, Kartoffelschnaps oder Rachenputzer zu trinken.

Fr.: Welche Pflichten gegen Dich selbst legt Dir Deine Religion auf?

A.: Meine Ausgaben einzuschränken, eng und dürftig zu wohnen, zerrissene, zerstückelte und geflickte Kleidung zu tragen und sie abzunutzen, bis sie fadenscheinig mir in Fetzen vom Leib fallen. Ohne Strümpfe in zerrissenen Schuhen zu laufen, durch deren Löcher das eisigkalte, schmutzige Wasser der Straße dringt.

Fr.: Welche Pflichten gegen Deine Familie legt sie Dir auf?

A.: Meiner Frau und meinen Töchtern jede Koketterie, jede Eleganz und jeden Geschmack zu untersagen, sie in gewöhnliche Stoffe zu kleiden, daß es genügt, um das Schamgefühl der Straßenpolizei nicht zu verletzten. Sie zu lehren, wie man im Winter in Kattunfahnen nicht zittert und im Sommer in Dachstuben unter Zinkdächem nicht unter den glühenden Strahlen der Hundstagssonne erstickt. Meinen Kleinen die heiligen Prinzipien der Arbeit einzuprägen, damit sie von frühester Jugend an ihren Unterhalt zu verdienen und nicht der Gesellschaft zur Last fallen; sie zu lehren, ohne Licht und Abendessen schlafen zu gehen, und sie an das Elend zu gewöhnen, welches ihr Los im Leben ist.

Fr.: Welche Pflichten gegen die Gesellschaft legt sie Dir auf?

A.: Den Nationalreichtum zu vermehren. Erstens durch meine Arbeit und zweitens durch meine Ersparnisse, sobald ich mir solche machen kann.

Fr.: Was gebietet sie Dir, mit Deinen Ersparnissen zu tun?

A.: Sie in der Staatssparkasse zu deponieren, damit sie dazu dienen, das Staatsbudget ins Gleichgewicht zu bringen (1), sie den von menschenfreundlichen Finanziers gegründeten Gesellschaften anzuvertrauen, damit diese sie an unsere Prinzipale leihen. Wir müssen unsere Ersparnisse stets zur Verfügung unserer Herrn halten.

Fr.: Erlaubt Dir Deine Religion, Deine Ersparnisse anzurühren?

A.: So selten wie möglich; aber sie empfiehlt uns, nicht darauf zu bestehen, wenn der Staat die Rückzahlung verweigert (2) und ruhig Verzicht zu leisten, wenn die menschenfreundlichen Finanziers in weiser Voraussicht unseren Forderungen zuvorgekommen sind und uns mitteilen, daß unsere Ersparnisse in Rauch aufgegangen sind.

Fr.: Hast Du politische Rechte? (3)

A.: Das Kapital gewährt mir das unschuldige Vergnügen, die Gesetzgeber zu wählen, die die Gesetze schmieden, mit denen sie uns strafen; aber es verbietet uns, uns mit Politik zu beschäftigen und die Sozialisten anzuhören.

Fr.: Warum?

A.: Weil die Politik das Vorrecht der Bosse ist, weil die Sozialisten Gauner sind, die uns ausplündern und betrügen. Sie sagen uns, daß wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll, daß alles den Lohnarbeitern gehört, weil sie alles produziert haben, daß der Unternehmer ein Schmarotzer ist, den man abschaffen muß. Die heilige Religion des Kapitals dagegen lehrt uns, daß die Verschwendung der Reichen die Arbeit schafft, die uns zu essen gibt, daß die Reichen den Armen Unterhalt geben, daß die Armen zugrunde gingen, wenn es keine Reichen mehr gäbe. Sie lehrt uns, nicht so dumm zu sein zu glauben, daß unsere Frauen und Töchter, die sich nur mit schlechten Baumwollstoffen schmücken wollen, die Seiden- und Samtstoffe, die sie weben, selbst tragen könnten, daß wir unverfälschten Wein trinken und gutes Fleisch essen könnten, da wir kranke Kühe und verfälschte Getränke gewohnt sind.

Fr.: Wer ist Dein Gott?

A.: Das KAPITAL.

Fr.: Existiert er von Ewigkeit an?

A.: Unsere gelehrtesten Priester, die offiziellen Ökonomen, sagen, daß er von Anfang der Welt an existierte; damals war er indes noch ganz klein, daher usurpierten Jupiter, Jehova, Jesus und andere Götter seinen Thron. Aber seit dem Jahr 1500 ungefähr ward er von Tag zu Tag größer an Macht und Herrlichkeit, und heute lenkt er die Welt nach seinem Willen.

Fr: Ist Dein Gott allmächtig?

A.: Ja. Seine Gnade verleiht alle Genüsse der Erde. Wem er sein Antlitz von einem Menschen, einer Familie, einem Lande abwendet, so müssen sie in Kummer und Elend ihr Dasein fristen. Die Macht des Gottes KAPITAL wächst mit dem Umfang seiner Masse: täglich erobert er neue Länder, täglich vergrößert er die Schar seiner Diener, die ihr Leben der Aufgabe weihen, seine Masse zu vermehren.

Fr.: Welches sind die Auserwählten Deines Gottes?

A.: Die Kapitalisten – Kaufleute, Fabrikanten sowie Rentiers.

Fr.: Wie belohnt Dein Gott Dich?

A.: Indem er mir, meiner Frau und meinen Kindern bis zum Kleinsten täglich zu arbeiten gibt.

Fr.: Ist das Deine einzige Belohnung?

A.: Nein. Unser Gott gestattet uns auch, unseren Hunger zu stillen, indem wir vor den Schaufenstern mit den Augen die herrlichsten Braten und Delikatessen verschlingen, die wir nie gekostet haben, nie kosten werden, weil sie nur da sind zur Nahrung für die Auserwählten und die heiligen Priester. Seine Güte erlaubt uns auch, unsere vor Kälte erstarrten Gliedmaßen zu wärmen, indem wir die molligen Pelzwaren und dicken Tuchsachen bewundern, in welche sich die Auserwählten und Priester allein hüllen dürfen. Sie gewähren uns auch das überaus hohe Vergnügen, auf den Hauptstraßen und Luxusplätzen unsere Augen an dem Anblick der heiligen Schar der Kapitalisten und Rentiers zu weiden, wie sie dick und fett, galonierte Lakaien hinter sich und bemalte Horizontalen neben sich, in glänzenden Karossen vorfahren.

Fr.: Gehören die Auserwählten einer anderen Rasse an als Du?

A.: Fabrikanten und Rentiers sind vom selben Ton geknetet wie ich; aber sie sind auserwählt unter Tausenden und Millionen.

Fr.: Was haben sie getan, um diese Erhöhung zu verdienen?

A.: Nichts. Unser Gott bekundet seine Allmacht, indem er seine Gunst denen zuwendet, die sie nicht verdient haben.

Fr.: Dein Gott ist also ungerecht?

A.: Das KAPITAL ist die Gerechtigkeit selbst; seine Gerechtigkeit geht über unseren schwachen Verstand hinaus. Das KAPITAL ist allmächtig; wenn es gezwungen wäre, seine Gnade denen zu spenden, die sie verdienen, würde es geschwächt werden, denn dann würde seine Macht Grenzen haben. Es kann dieselbe daher nicht besser beweisen, als daß es seine Lieblinge aus dem Haufen der Tagediebe und Faulenzer auserwählt.

Fr.: Wie bestraft Dich Gott?

A.: Indem er mich zur Arbeitslosigkeit verurteilt. Dann bin ich exkommuniziert; ich weiß nicht, was essen, wo schlafen und muß mit den Meinen in Hunger und Elend umkommen.

Fr.: Welche Sünden mußt Du begehen, um Dir diese Exkommunikation zuzuziehen?

A.: Keine. Das KAPITAL wirft mich außer Arbeit, wenn es ihm beliebt.

Fr.: Welches sind die Gebete Deiner Religion?

A.: Ich bete nicht mit Worten. Mein Gebet ist die A r b e i t. Jedes Sprechen eines Gebets würde mein wirkliches Gebet, die Arbeit stören. Sie ist das einzige Gebet, das wohlgefällt, denn sie ist das einzige, das dem KAPITAL nutzt und Mehrwert schafft.

Fr.: Wo betest Du?

A..: Überall. Auf dem Felde und in der Werkstatt, im Atelier und in der Fabrik, auf dem Meere und unter der Erde. Damit unser Gebet gnädig erhört werde, müssen wir unsere Freiheit, unsere Würde, unseren Willen zu den Füßen des KAPITALS niederlegen. Auf den Ton den Glocke, auf den Pfiff der Maschine müssen wir herbeieilen und einmal beim Gebet, gleich Automaten Arme und Beine, Hände und Füße in Bewegung setzen, schnaufen und schwitzen, unsere Muskeln anspannen und unsere Nerven erschöpfen .
In unseren Gebetstätten müssen wir demütigen Geistes sein und geduldig die Wutausbrüche und Schimpfereien von Prinzipal und Werkführer ertragen, denn sie haben immer recht.
Wir dürfen uns nicht beklagen, wenn der Prinzipal unseren Lohn herabsetzt und die Arbeitszeit erhöht, denn alles, was er tut ist recht und geschieht zu unserem Besten.
Wir müssen es als eine Ehre betrachten, wenn Prinzipal und Werkführer mit unseren Frauen und Töchtern schäkern, denn ebenso wie unser Gott, das Kapital, ihnen das Recht über Leben und Tod der Lohnarbeiter verliehen hat, so hat er ihnen auch das Recht verliehen, den Lohnarbeiterinnen den Hintern zu tätscheln.
Ehe wir je eine Klage über unsere Lippen entweichen, ehe wir unser Blut in Wallung geraten lassen, ehe wir je zum Streik uns entschließen, müssen wir lieber alle Leiden auf uns nehmen, unser Brot mit Speichel bedeckt hinunterwürgen, mit Dreck verunreinigtes Wasser trinken. Denn für den Fall, dass wir uns vermessen, dies nicht in Ordnung zu finden, hat das KAPITAL unseren Herren Gefangnisse und Zuchthäuser, den Säbel, der haut, und die Flinte, die schießt, Henkerbeil und Kanonen zur Verfügung gestellt. Es läßt uns hinter Schloß und Riegel stecken, wenn wir murren, und alles über den Haufen schießen was sich wider die Anordnungen auflehnt, die es durch den Mund seiner Beamten und Priester verkündet.

Fr:: Wirst Du nach dem Tode eine Belohnung empfangen?

A.: Eine sehr große: Nach dem Tode erlaubt mir das KAPITAL, mich niederzulegen und mich zu erquicken. Ich habe dann weder Hunger noch von Kälte zu leiden, weder für heute noch für morgen um Nahrung zu bangen. Ich genieße dann die ewige Ruhe des Grabes.

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(1) Der Katechismus spielt hier auf eine Tatsache an, die in Frankreich passiert ist, und die seine Verfasser zweifelsohne in allen Ländern verallgemeinert sehen wollen. Man benutzte die in den Sparkassen deponierten Summen, um die auf 1200 Millionen angelaufene schwebende Schuld zu bezahlen. Bei dieser Gelegenheit machen wir auf den echt internationalen Charakter des Katechismus aufmerksam, der die Rechte und Pflichten des Proletariats ohne Unterschied des Landes und der Rasse formuliert.

(2) Ist in Frankreich geschehen. Die Verfasser sahen wahrscheinlich voraus, daß die Geschichte sich in anderen Ländern wiederholen werde, und wollten die sparenden Arbeiter darauf vorbereiten.

(3) In der deutschen Übersetzung [Heft XXIV der „Sozialdemokratischen Bibliothek“ 1890] fehlen die zwei Fragen, die die parlamentarische Demokratie angreifen [Anmerkung von Bernhard Klevenz]