I. Der Londoner Kongreß

Die Fortschritte des Sozialismus beunruhigen die besitzenden Klassen diesseits und jenseits des Ozeans immer mehr. Es sind daher vor einigen Wochen in London Männer aus allen Weltgegenden zusammengetreten, um gemeinsam zu beraten, welche Mittel am besten geeignet wären, dem bedrohlichen Umsichgreifen der sozialistischen Ideen zu steuern.

Unter den Vertretern der kapitalistischen englischen Bourgeoisie bemerkte man Lord Salisbury, Mr. Chamberlain, Lord Randolph Churchill,, den Kardinal Manning, Sir Charles Dilke (im Original statt Charles Dilke: Samuel Morley) und Mr. Herbert Spencer. Bismarck, der durch eine akute Alkoholvergiftung abgehalten war, hatte seinen Berater und Vertrauten, den Juden Bleichröder, geschickt. Die Großindustriellen und Financiers von Amerika und Europa, die Vanderbilt, die Gould, die Rothschild, die Soubeyran, die Krupp, die Stumm, die Dollfus, die Dietz-Monnin, die Schneider, die Herzog, die Wörmann, waren entweder in Person anwesend oder hatten Vertreter geschickt. Noch nie hatte man in ein und derselben Versammlung Leute von so verschiedener Nationalität und Gesinnung sich so freundschaftlich die Hände drücken gesehen. Herr Ernst von Eynern setzte sich neben den Bischof Krementz, (im Original: Paul Bert setzte sich neben Mgr. Freppel, Gladstone drückte Parnell die Hand) Gladstone und Sahsbury gingen Arm in Arm mit Parnell auf und ab, Eugen Richter plauderte mit dem Herrn von Puttkamer (i. O.: Clemenceau plauderte mit Ferry) und Moltke unterhielt sich freundschaftlich mit Déroulède und Ranc über die Möglichkeiten eines Revanchekrieges. Die Sache, die sie zusammengeführt, gebot ihren persönlichen Gefühlen, politischen Differenzen und nationalen Eifersüchteleien Stillschweigen. Der päpstliche Legat ergriff zuerst das Wort:

„Man regiert die Menschen sowohl durch die brutale als auch durch die geistige Macht. Früher war die Religion die magische Kraft, welche die Gemüter der Menschen beherrschte: sie gebot dem Arbeiter, sich nie zu empören, sie lehrte ihn, für den Schatten die Beute preis zu geben, sein irdisches Elend über den Traum von der himmlischen Glückseligkeit zu vergessen… Aber der Sozialismus, der böse Geist der Neuzeit, treibt den Glauben aus den Köpfen der Menschen und nistet seine Lehre dafür ein; er kündet an, daß er aus der Erde ein Paradies machen werde, und daß das Glück nicht auf das Jenseits verschoben werden soll. Mit pestartiger Verführung ruft er dem Lohnarbeiter zu: ‚Man bestiehlt dich! Auf, mach‘ zu. Empöre dich.‘ Er bereitet die einst so gefügigen und unterwürfigen Arbeitermassen auf eine allgemeine Erhebung vor, welche die bevorrechtete Klasse beseitigen und die Familie aufheben wird, welche den Reichen ihren Reichtum nehmen wird, welche die Kunst und Religion zerstören und die Nacht der Barbarei über die Erde bringen wird. Wie den Feind aller Zivilisation und allen Fortschritts bekämpfen? Welches die Waffen, die gegen den Sozialismus in Anwendung zu bringen sind? Fürst Bismarck, der Schiedsrichter Europas, der Nebukadnezar, der Dänemark, Österreich und Frankreich besiegte, ist von sozialistischen Schustern und Schneidern besiegt worden; die französischen Konservativen haben 1848 und 1871 gleich Fleischern Tausende und Abertausende von Sozialisten hingemetzelt und aus Paris ein großes Schlachthaus gemacht, und das Blut dieser Riesenschlächterei ist der Tau gewesen, der den Sozialismus in allen Ländern sprießen gemacht hat. Nach jedem Blutbad wächst der Sozialismus kräftiger hervor. Das Ungeheuer hat die Probe der brutalen Gewalt überstanden. Was tun?“

Die Gelehrten und Philosophen der Versammlung, Paul Bert, Ernst Häckel, Herbert Spencer, standen einer nach dem anderen auf und schlugen vor, den Sozialismus durch die Wissenschaft zu bändigen. Seine Eminenz, Herr Krementz, Erzbischof von Köln, zuckte mit den Achseln.:

„Aber Eure verfluchte Wissenschaft liefert ja den Sozialisten ihre schneidigsten Argumente“.

„Sie kennen die Naturphilosophie, die wir lehren, nicht“, erwiderte Herbert Spencer. „Unsere wissenschaftliche Entwicklungstheorie beweist, daß die niedrigere soziale Stellung der Arbeiter in den unveränderlichen Gesetzen der Natur begründet ist, und daß die Bevorrechteten der höheren Klassen sich fortgesetzt vervollkommnen und schließlich eine neuen Rasse bilden werden. Die Menschen dieser Rasse werden in nichts jenen Bestien in Menschengestalt der niederen Rasse gleichen, welche nur mit der Peitsche in der Hand zu regieren sind…..“. (1)

„Möge Gott verhüten, dass ihre Entwicklungstheorien jemals in der Arbeiterklasse bekannt werden; sie würden sie in Wut versetzen, sie zur Verzweiflung, diesem Anstifter aller Volksaufstände treiben“. – unterbrach ihn der Protestantenvereinler Baumgarten. (i. O.: Herr de Pressensé.) Sie sind in der Tat sehr naiv, wenn Sie sich einbilden, daß man Ihre enttäuschende Wissenschaft dem Sozialismus entgegensetzen kann, der den Arbeitern die Gleichheit der Güter und die volle geistige und körperlich Entwicklung aller Menscheil verspricht. Wenn wir privilegierte Klasse bleiben und fortfahren wollen, auf Kosten der Arbeiter zu leben, dann müssen wir die Einbildungskraft befriedigen, und, während wir das Menschenvieh scheren, seinen Geist durch bezaubernde Märchen und Luftspiegeleien unterhalten. Die christliche Religion erfüllte diese Aufgabe wunderbar. Sie aber, meine Herren Freidenker, haben sie ihre Glanzes entkleidet“.

„Sie haben Recht, wenn Sie eingestehen, dass Ihre Religion in Mißkredit geraten ist“, warf ihm Paul Bert brutal entgegen, „sie verliert jeden Tag an Boden. Und wenn wir Freidenker, die Ihr ohne alle Überlegung angreift, euch nicht unter der Hand unterstützten, obwohl wir den Dummen zuliebe uns die Miene geben, als bekämpften wir Euch, wenn wir nicht die Kulturbudgets bewilligten, so würdet ihr und alle Priester, Pastoren und Rabbiner die heilige Bude schließen und vor Hunger krepieren müssen. Man entziehe den Priestern ihre Bezahlung und die Religion ist futsch… Ihr beklagt Euch, daß wir nicht in die Messe gehen; aber den Teufel auch, warum hat man uns eine so lächerlich blöde Religion fabriziert! Mit dem besten Willen von der Welt kann ich nicht bekennen, daß ich daran glaube, daß eine Taube eine Jungfrau befruchtet habe, und daß aus diesem, wider alle Moral und Naturgeschichte verstoßenden Akt ein Opferlamm hervorgegangen sein soll, das ein beschnittener Jude wurde.“
„Ihre Religion steht nicht einmal mit den Regeln der Grammatik im Einklang,“ setzte Herr Menard-Dorian, der sich auf seine Sprachreinigung etwas zugute tat, hinzu. „Ein einziger Gott in drei Personen ist zu beständigen Barbarismen verurteilt, wie: Ich denken, ich schneuzen uns, ich wischen uns…“.

„Meine Herren, wir sind nicht hier, um unsere Glaubensartikel zu diskutieren“, lenkte mit sanftem Vorwurf der Kardinal Manning ein, „sondern um uns mit der sozialen Gefahr zu beschäftigen. Sie können, Voltaire und andere wiederholend, die Religion verspotten, aber sie schaffen damit die Tatsache nicht aus der Welt, daß sie der beste moralischen Zügel ist wider die Begehrlichkeiten und Leidenschaften der niederen Klassen“.

„Der Mensch ist ein religiöses Tier“, begann mit sentenzhafter Gemessenheit P. Laffitte, der Papst des Positivismus. „Die Religion August Comtes enthält weder Taube noch Lamm, aber obwohl unser Gott weder Haare noch Fedem hat, ist er doch ein positiver Gott“.

„Ach gehen Sie mir weg“, fuhr ihn Virchow (i. O.: Huxley) an, „Ihr Humanitätsgott ist noch weniger real als der blonde Jesus. Die Religionen unseres Jahrhunderts sind eine soziale Gefahr. Fragen Sie Herrn von Giers, der Ihnen lächelnd zuhört, ob die neugebildeten Sekten in Rußland wie in den Vereinigten Staaten nicht mit Sozialismus und Kommunismus infiziert sind? Ich anerkenne die Notwendigkeit einer Religion, gerade weil ich Materialist bin; ich gebe auch zu, daß das Christentum, das noch famose Dienste bei den Buschmännern und Papuas tut, für Europa etwas altmodisch ist. Aber wenn wir eine Religion haben müssen, so nehmen wir uns in acht, daß sie kein Plagiat des Katholizismus ist, und daß sie nichts, was nach Sozialismus riecht, an sich hat“.

„Warum“, unterbrach ihn Herr Professor Hänel aus Kiel (i. O.: Maret), glücklich, auch ein Wort an den Mann bringen zu können, „warum nicht die theologischen Tugendideale durch die liberalen Idealbegriffe ersetzen? Statt Glaube, Hoffnung, Liebe setze man Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Man konnte auch noch eine vierte hinsetzen: Vaterland“.

„Die Idealbegriffe sind in der Tat die herrlichste Entdeckung unserer Zeit“, nahm jetzt Herr von Giers das Wort. „Sie haben in England, in Frankreich, in Amerika, mit einem Wort überall, wo man sie anwandte, um die Massen zu leiten, vortreffliche Dienste getan; wir werden uns ihrer eines Tages auch in Rußland bedienen. Sie, meine Herren Westeuropäer, haben uns die Kunst gelehrt, die Massen im Namen der Freiheit zu unterdrücken, im Namen der Gleichheit auszubeuten und im Namen der Brüderlichkeit niederzukartätschen – Sie sind große Meister. Aber diese theologiegemäßen Ideale genügen noch nicht, um eine neue Religion zu bilden. Es bleibt noch der höchste Gott zu suchen“.

„Die einzige Religion, die den Bedürfnissen der Jetztzeit entspricht, ist die Religion des KAPITALS“ – erklärte mit Nachdruck der berühmte Statistiker Giffen. „Das KAPITAL ist der wirkliche allmächtige Gott, der sich in jeder Gestalt offenbart: Er ist glänzendes Gold und stinkender Guano, Hammelherden und Kaffeeladungen, Lager heiliger Schriften und Ballen pornographischer Bilder, gigantische Maschinen aus härtestem Stahl und elegante Päckchen ‚Gummiartikel‘. Das KAPITAL ist der Gott, den alle Welt kennt, sieht, fühlt, riecht, schmeckt; er existiert für alle unsere Sinne. Er ist der einzige Gott, der noch auf keinen Atheisten gestoßen ist. Der Prediger Salomo betete ihn an, als alles ihm eitel schien, Schopenhauer entdeckte berauschende Reize an ihm, als ihm alles Enttäuschung war, und Eduard von Hartmann, der unbewusste Philosoph, ist ihm gegenüber zum bewussten Schriftgläubigen geworden“.

Bleichröder, Gould, Baring, Hope, Rothschild, Worms, alle beschnittenen Christen und unbeschnittenen Juden der goldenen Internationale klatschten in die Hände und riefen:“Giffen hat Recht, das KAPITAL ist Gott, der einzige, lebendige Gott!“

Als die Begeisterung sich endlich gelegt, fuhr Giffen fort:

„Den einen verkündet es seine Anwesenheit in fürchterlicher Weise, den anderen zart wie eine liebevolle junge Mutter. Wenn das KAPITAL eine Nation heimsucht, so ist es, als ob ein Orkan auf sie herniederführe, der alles vernichtet und zerstört, was ihm im Weg steht – Menschen wie Tiere, Lebendes wie Totes. Als sich das europäische Kapital in Ägypten niederließ, da ergriff es die Fellachen mit ihrem Zugvieh, ihren Karren und ihre Hacken und versetzte sie, als wären sie Strohhalme nach der Landenge von Suez. Mit seiner eisernen Hand beugte es sie unter das Joch der Fronarbeit – und, verbrannt von der Sonne, gequält vom Hunger und Durst, dem Fieber befallen, besäten 30.000 mit ihren Knochen die Ufer des Kanals. Das KAPITAL ergreift den freien und gesunden, kräftigen und heiteren Menschen und sperrt ihn zu Hunderttausenden in die Fabriken, in Spinnereien und Bergwerke. Es pumpt ihnen dort das Blut aus – wenn es sie losläßt, sind sie vorzeitig gealtert, skrofulös, blutarm, schwindsüchtig. Die in bezug auf das Ungeheuerliche so fruchtbare menschliche Einbildungskraft hat nie einen Gott zu ersinnen vermocht, der so grausam wäre, so gewaltig, wenn er zürnt. Aber wie vorsorglich und liebevoll ist er gegen seine Erwählten! Für die Lieblinge des Kapitals kann die Erde nicht genug angenehme Dinge hervorbringen. Jeden Tag erfindet es neue Genüsse für sie; es produziert neue Blumen und neue Früchte, es ersinnt neue Gerichte, um ihren übersättigten Gaumen zu reizen, es verschafft ihnen blühende Kinder, um ihre erschlafften Sinne zu stacheln. Tote und lebende Gegenstände – alles gehört ihnen“.

Und der Kardinal Manning und der Pessimist Hartmann und Virchow und Häckel und Spencer und Chamberlain – alle applaudierten:

„Das KAPITAL ist Gott!“

„Das Kapital kennt weder Grenzen noch Nationalitäten, weder Rassen noch Geschlechter, es ist der internationale Gott, der Gott aller; er wird die Kinder der Menschen unter sein Gesetz beugen“, rief begeistert der päpstliche Legat. „Brechen wir mit allen Religionen der Vergangenheit, vergessen wir allen Hader, all unsere Differenzen! Einigen wir uns in Herz und Geist, um die Dogmen des neuen Glaubens auszuarbeiten: der RELIGION DES KAPITALS“.

Der Kongreß, der in der Weltgeschichte epochemachend sein wird wie die großen Konzilien, auf denen die katholische Religion ausgearbeitet wurde, tagte zehn Tage; er beauftragte eine Kommission aus Vertretern aller Nationalitäten bestehend, die Protokolle zu redigieren und die entwickelten Ansichten und Ideen zu einem Lehrsystem auszuarbeiten. Es ist uns gelungen, verschiedene Arbeiten dieser Kommission uns zu verschaffen, die wir hiermit der Öffentlichkeit übergeben.

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(1) Wir bedauern, dass der beschränkte Raum es uns unmöglich macht, die bedeutenden Reden wörtlich wiederzugeben, die auf diesem Kongress gehalten wurden, an welchem die Spitzen der Wissenschaft, der Philosophie, der Religion, der Politik, der Finanz der Industrie und des Handels teilnahmen. – Wir verweisen den der englischen Sprache mächtigen Leser auf den von Herrn Spencer im April-Heft 1884 der „Contemporary Review“ veröffentlichten Artikel „The Coming Slavery“ (Die herannahende Sklaverei), in welchem dieser Philister von Philosoph Zellengefängnisse und Peitsche für die Beherrschung der niederen Klassen empfahl.